Sollte Gott seinen Auserwählten,
die Tag und Nacht zu ihm schreien,
nicht zu ihrem Recht verhelfen,
sondern zögern?
(Lk 18,7)

Jesus sagt seinen Jüngern, sie sollen ohne Unterlass beten. Allezeit und nicht darin nachlassen, heißt es. Und er erzählt ein Gleichnis von einem ignoranten Richter, der an Gerechtigkeit nicht interessiert ist und einer Witwe, die ihn so lange nervt, bis er nachgibt. Ein ziemlich befremdliches Gottesbild: Ignoranz und Desinteresse.

Ich möchte nicht, dass Gott so ist. Aber es gibt diese Erfahrung, dass das Leben nicht für mich da ist. Dass der Lauf der Dinge an mir vorüberzieht und mir meine ganze Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit vor Augen führt. Für Gott bin ich nur ein Gedanke, der wieder vergeht.

Ich glaube, Jesus will uns daran erinnern, dass wir diese dunkle Seite nicht einfach übergehen können. Natürlich kann man sich hinsetzen, meditieren, leer werden, mit allem verbinden und sich eins fühlen mit dem Universum. Aber das bleibt hohl, wenn es diesen Schmerz übergeht, den unsere Existenz mit sich bringt: Das Leben ist nicht für mich da.

Wie sollen wir Christen dann also beten?

Christliche Meditation hat einen Gegenstand der Betrachtung: Jesus von Nazareth. Er ist für uns Gottes Sohn, das Spiegelbild unserer Existenz: Er blendet die dunklen Seiten nicht aus, sondern wird ein Mensch bis in den Tod am Kreuz. Die Verheißung der Auferstehung ist, dass Gott in dieser Dunkelheit da ist. Gerade, wenn ich nicht daran vorbei gehe, sondern hindurch. Es kann also für Christen nicht darum gehen, "leer zu werden". Das würde keinen Sinn ergeben.

Die alten christlichen Meditations- und Gebetsformen stellen daher auch nicht "Nichts" in den Mittelpunkt, sondern Christus. Aus der Ostkirche kennen wir das Herzensgebet und aus der Westkirche den Rosenkranz. Allerdings ist gerade der Rosenkranz in Gefahr, wie Annette Wolf sehr richtig in ihrem Blog "Rosenkranz und Pilgerzeichen" schreibt:

"Auf 'frommen' Seiten vereinnahmt, mit 'überfrommen' Traktaten und Traktätchen belegt. Ja gar zur 'Waffe im Kampf', zum 'Symbol des Kampfes' erklärt, ... wird er dem Neugierigen verleidet, wird der Hungrige vertrieben, weil ihm nicht dargeboten wird, was er sucht: das schlichte alte Gebet, das wie ein Band um die Jahrhunderte der pilgernden Kirche geschlungen ist."

Der Rosenkranz ist kein Mariengebet, sondern ein "Evangelium am Schnürchen", d.h. die Meditation und Vergegenwärtigung des Lebens Jesu. Es ist nur schwer, das heute wiederzuentdecken.

Ich habe den Rosenkranz entdeckt, als ich einmal vor Jahren in Südamerika unterwegs war und Mühe hatte, die Predigt eines Bischofs zu verstehen: "Wir schauen auf Jesus, der mit uns am Kreuz gestorben ist", sagte er. Ich horchte auf. Hatte er wirklich "mit uns" gesagt. Ich dachte, Jesus wäre "für uns" gestorben, womit ich immer schon Mühe hatte. Sowohl mit dem Gottesbild dahinter (ein Gott, der Menschenopfer will?), als auch mit der Zwangsläufigkeit dahinter (wer hat mich je gefragt, ob ich will, dass Jesus "für mich" stirbt. Ich will das nicht!!!).

Das "mit uns" ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen und hat mir im Laufe der Jahre die ganze "Opfertheologie" neu erschlossen. Es ist daraus ein Rosenkranz entstanden, der dieses "mit uns sein" Jesu in den Mittelpunkt stellt. Ich möchte diesen Rosenkranz hier vorstellen. Es ist ein franziskanischer Rosenkranz mit 7 Gesätzen, deren "Geheimnisse" jeweils 7 mal wiederholt werden (also 7 x 7 Perlen statt 5 x 10). Die Schotki-Variante sieht so aus:

Vater Unser (Kreuz)
Ave Maria (je 7 Perlen) … Jesus, …
1. … der mit uns nackt geboren wurde.
2. … der mit uns in dieser Welt gelebt hat.
3. … der mit uns gelitten hat.
4. … der mit uns am Kreuz gestorben ist.
5. … der mit uns im Grab gelegen hat.
6. … der mit uns auferstanden ist.
7. … der mit uns in den Himmel aufgefahren ist.
Ehre sei dem Vater. (Kreuz)

Ich empfinde dieses Gebet als große Ermutigung, das dunkle und unlösbare im eigenen Leben und im Leben anderer nicht auszublenden. Das "mit uns" macht mir keine subtilen Schuldgefühle, sondern macht mich demütig und dankbar: Denn es führt mir vor Augen, dass da einer ist, der unseren Weg mitgeht. Und auch wenn manches, was Menschen und die ganze Schöpfung tagtäglich erleiden, mein Fassungsvermögen und meine Kräfte bei weitem übersteigt, ist er da, weil er den Weg schon vorausgegangen ist. Aus dieser Perspektive macht auch das "für uns" einen Sinn für mich.

So verstehe ich, ohne Unterlass zu beten, eher als den Aufruf, eine bestimmte Haltung einzunehmen. Eine Haltung der Geduld, des Aushaltens und Ausharrens, des "Trotzdem", der Hoffnung. Die Hoffnung, dass Paulus recht hat, wenn er sagt: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark" (2Kor 12,10).

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