Jesus predigt nicht Askese, sondern bietet uns eine Initiation an. Bei dieser Initiation geht es weniger darum, etwas zu lernen, sondern vielmehr darum, etwas zu verlernen: All das, was uns hindert, ins Reich Gottes einzugehen, muss sterben.

Jesus wusste offenbar, dass asketische Übungen und jede Art von guten Taten unseren Narzissmus nähren können, statt uns in die Wirklichkeit zu ziehen. Diese Wirklichkeit hat immer zwei Seiten: Sommer und Winter, Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Freude und Schmerz, Erfolg und Scheitern. Solange wir nicht lernen, beide Teile als Einheit zu betrachten, werden wir vor der Wirklichkeit davonlaufen.

Alles kann dann eine Vermeidungsstrategie sein. Selbst die heldenhafteste Tat und die beeindruckendste Askeseleistung. Deshalb ist das inszenierte Scheitern, der Verlust, der Tod des Ego, Bestandteil so vieler spirituellenr Lehren und praktisch aller archaischen Initiationsriten.

»Unser fehlendes Training in Trauerarbeit und Loslassen, sowie die Unfähigkeit, uns dem größeren Leben anzuvertrauen, sind der Grund für unsere ganze spirituelle Krise,« sagt Richard Rohr. Zu lernen gilt es, »das Vergängliche loszulassen, damit wir das Wesentliche ergreifen können. Wer aber das Loslassen nicht lernt, wird sich an alle möglichen falschen Dinge klammern, besonders an das eigene Selbstbild und die angeblichen Sicherheiten«.

Deshalb sagt Jesus: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Lk 9,23). Paulus drückt es später so aus: »Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,19–20).

Diese Spiritualität Jesu und die christliche Tradition sind vom Ursprung her initiatorisch. Wir könnten ganz von selbst drauf kommen, weil es um etwas Universelles und Natürliches geht. Das Leben und seine Kreisläufe selbst initiieren uns, denn alles finden wir in der Natur: Tod und Auferstehung, Vergehen und Wiederkommen. Das Christentum ist in Wahrheit keine Lehre, sondern eine Lebensweise. Sie ist »barfuß und wild« – und das meint nichts anderes als aktiv und kontemplativ.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018.

Fünfter Fastensonntag B
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)

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