Ihr seid mit Christus auferweckt;
darum strebt nach dem, was im Himmel ist,
wo Christus zur Rechten Gottes sitzt.
Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!
Denn ihr seid gestorben,
und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.
(Kol 3,1.3)

Das Osterfest erinnert jeden initiierten Mann an die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Verwundbarkeit und mit den Wunden, die das Leben hinterlassen hat. Die Auseinandersetzung mit all dem, was am wahren Leben hindert: all die Schutz- und Vermeidungsmechanismen, die das eigene Ego entwickelt hat. All das muss sterben, damit das wahre Selbst leben kann.

Die Hymne der initiierten Männer stammt von Leonard Cohen: Anthem. Im Refrain heißt es: Läute die Glocken, die noch läuten können. Vergiss Dein perfektes Angebot. Da ist ein Riss in allen Dingen. So kommt das Licht hindurch:

Ring the bells, that still can ring.
Forget your perfect offering.
There's a crack in everything.
That's how the light comes in.
(Leonard Cohen)

Das kann man so verstehen, wie Matthias Grünewald es dargestellt hat: Leuchtende Wunden. Das ist die Auferstehung auf dem Isenheimer Altar, dessen Besichtigung mir immer noch nachgeht.

Was wäre, wenn wir nicht warten, bis zum Sankt Nimmerleinstag, sondern unsere Wunden zum Leuchten bringen?! Was wäre, wenn wir die Fehler und Schwächen der anderen als wertvoll betrachten, als Eingänge und Durchgänge für das Licht?! Und, um den Gedanken von Cohen noch ein bisschen weiterzutreiben: Ist nicht in der dicksten Mauer irgendwo doch ein kleines Schlupfloch, wo das Licht hindurchscheinen kann?

Ist das "Himmlische", von dem Paulus spricht, also gerade nicht das "Perfekte", das wir uns vielleicht gerne darunter vorstellen? Ist es nicht gerade der Perfektionismus (perfect offering!), der uns daran hindert, wahrhaft wir selbst zu sein? Ist unser wahres Selbst also "verborgen in Gott" und wir finden es nur, wenn wir Gott da suchen, wo wir ihn vielleicht gar nicht erwarten: Im Unperfekten, im Scheitern oder eben auch an der Peripherie, wie Papst Franziskus es ausgedrückt hat?

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

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