Der Körper ist auch Gedächtnis. Psychologen wissen, dass zum Beispiel seelischer Schmerz immer auch körperliche Auswirkungen hat. So tragen wir viele Wunden am Körper, die von vergangenen Verletzungen herrühren:

Die Wunden der Erniedrigung, die uns widerfährt, wenn wir ausgelacht werden, weil wir zu klein, zu dick, zu groß usw. sind.

Die Wunden der Scham, wenn bestimmte Körperregionen zu Tabuzonen erklärt werden, keinen Namen bekommen und im Grunde natürliche Verhaltensweisen für »schmutzig« und nicht akzeptabel erklärt werden.

Ganz zu schweigen von den Wunden, die uns direkt körperlich zugefügt werden in jeglicher Form gewalttätigen Missbrauchs.

Es ist das tiefe Geheimnis des Christentums, dass gerade dieser Körper, so wie er ist, der Ort der Gottesbegegnung sein soll. Nicht nur die Seele oder der Geist im Körper, sondern der Körper. »Vielleicht sollten wir … unseren Körper als Mikrokosmos einer viel größeren Seele und eines viel größeren Geistes« sehen, sagt Richard Rohr.

Als Thomas zweifelte, sollte er mit seinen Händen die Wunden Jesu berühren, erzählen sich die ersten Christen. Diese Berührbarkeit des Göttlichen in der Verwundung gehört zur Urvision des Christlichen. Was wäre, wenn Menschen in dieser Offenheit einander ihre Wunden und ihre verwundbare Seite zeigen würden, ohne einander zu verletzen?

Heilung entsteht nicht durch Überwindung, sondern durch echte, liebevolle Berührung der Wunden und ihrer Narben.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018.

3. Sonntag der Osterzeit B
„Fasst mich doch an!“ (Lk 24,39)

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