Du sorgst für das Land und tränkst es;
du überschüttest es mit Reichtum.
Der Bach Gottes ist reichlich gefüllt,
du schaffst ihnen Korn; so ordnest du alles.
Du tränkst die Furchen, ebnest die Schollen,
machst sie weich durch Regen, segnest ihre Gewächse.
Du krönst das Jahr mit deiner Güte,
deinen Spuren folgt Überfluss.
(Psalm 65, 10-12)

Kürzlich bin ich über Psalm 65 gestolpert - und jetzt, nach den Hochwassererfahrungen der letzten Wochen, kann man sich fragen, ob das nicht doch bloß naive Naturromantik ist, was da steht? "Der Bach Gottes ist reichlich gefüllt" - in diesem Fall war es zu reichlich. Die gleiche Natur, die uns ernährt, kann uns auch auffressen. Wie passt das zusammen? Eine Welt, in der Krankheit, Naturkatastrophen und sonstiges Leid über uns kommen - wie kann ein Gott, der alles erschaffen hat, so etwas zulassen?

Aus irgendeinem Grund hat Gott die Schöpfung unvollkommen gemacht. Verletzbar. Vielleicht, weil es ohne diese Verletztbarkeit, ohne die Unperfektheit, keine wahre Liebe geben kann? Wenn alles perfekt wäre, gäbe es nichts mehr zu entwickeln. Auch wären wir Menschen nicht mehr frei, uns für oder gegen irgendetwas zu entscheiden.

Leidet Gott dann mit uns? Welchen Sinn sollte das haben? Die einzige Antwort, die mir einleuchtet ist diese: Das Leid an sich kann nicht erstrebenswert sein. Aber wie wir mit Leid umgehen, kann tugendhaft sein: Unser Leben kann vielleicht nicht immer voller Freude sein, aber immer voller Güte.

Wer einmal erlebt hat, wie aus einem kleinen Samenkorn eine Pflanze hervorgeht, die ihrerseits hunderte von neuen Samen hervorbringt, der weiß, was das heißt: "Deinen Spuren folgt Überfluss!" Die Natur ist nicht effektiv. Sie ist eben nicht "perfekt". Die Natur ist verschwenderisch. Das kann jeder Biologe bestätigen.

Und ist nicht genauso eigentlich die Liebe? Sie ist auch nicht effektiv. Sie ist auch nicht perfekt. Sie ist auch nie sicher, denn sonst wäre es keine Liebe, sondern Zwang. Die Liebe ist verletzbar, weil sie sich dem anderen aussetzt. Aber wenn sie gelebt wird, ist sie ein Wunder: Ein sich verschenkender Überfluss an großer Güte. Wer Augen hat, zu sehen, kann das in der Natur erleben - trotz aller Katastrophen. Und kann aus dem Überlebenskampf, der das Leben zu sein scheint, dann doch ein großer Tanz alles Lebendigen miteinander werden?

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