Die Versuchung der christlichen – und eigentlich jeder – Tradition ist es, das Wirken des Geistes mit Macht kontrollieren zu wollen, ihn sozusagen zu domestizieren. An die Stelle des unverfügbaren Wirkens des Heiligen Geistes tritt dann der Versuch, spirituell »erfolgreich« zu sein. Die Folge ist eine falsche Askese.

Übungen wie Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit, Isolation usw. dienen dann nicht mehr dazu, Raum zu schaffen für die Begegnung mit dem Göttlichen, sondern sollen den »geistlichen« Erfolg messbar machen: »Man sagt zwar, … es sei ein besonderer Kult, ein Zeichen von Demut, seinen Körper zu kasteien. Doch es bringt keine Ehre ein, sondern befriedigt nur die irdische Eitelkeit« (Kol 2,23).

Wenn Askese zum Maßstab wird für den Zugang zur Gemeinschaft oder zu bestimmten Ämtern, dann dient sie schließlich auch noch der Machtausübung derer, die die Selbstverleugnung aufzwingen. Eine solche Askese nährt in jedem Fall den Narzissmus – institutionell wie persönlich. Sie bläht das Ego auf, statt es auf seinen Platz zu verweisen.

Davor warnte schon Franz von Assisi seine Anhänger: »Viele gibt es, die in Gebeten und Gottesdiensten eifrig sind und ihrem Leib viele Entsagungen und Abtötungen auferlegen, die aber über ein einziges Wort, das ihrem lieben Ich Unrecht zu tun scheint, oder über eine Kleinigkeit, die man ihnen wegnimmt, sich sofort dermaßen aufregen, als wäre es ein Skandal. Diese sind nicht arm im Geiste« (Erm 14).

Die Vorstellung, etwas leisten zu müssen, damit Gott uns liebt, ist uns in der westlichen Kultur in Fleisch und Blut übergegangen. Die Wahrheit ist: Gott liebt uns schon immer. Die Frage ist, was wir tun, um der Mensch zu sein, der in uns steckt, und was wir für die Welt tun können. Es geht darum, das eigene Potenzial, die eigene Berufung, den Sinn des eigenen Lebens zu entdecken und immer mehr zu entfalten.

Das bedarf der Hingabe und der Geduld. Es geht dabei weniger um die Leistung eines Sportlers als vielmehr um die Disziplin eines Künstlers oder einer Künstlerin. »Alles ist austragen und dann gebären«, schreibt Rilke an einen jungen Dichter. »Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit. Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!«

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018.

»Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.«
(Johannes 20,21)
Pfingsten B

1 Kommentar

  1. Imke

    Mmmh.. , ja….so ist es wohl…nicht nur in christlichen Traditionen…dieser Leistungsbegriff kommt mir auch aus Erfahrungen im Zen-Kontext bekannt vor…wo es doch auch dort um die Überwindung bzw. Das Loslassen des Ego’s geht….
    Die Frage ist, wie gebe ich dem Heiligen Geist in meinem Leben Raum….wie komme ich mit meiner inneren Wahrheit in Kontakt…und wo/durch wen oder was erhalte ich Unterstützung um das notwendige Vertrauen für meine Wahrheit und meinen ureigenen Weg zu gehen….??? Wie erlange ich die Gewissheit, dass alles da ist und gut ist…das Gott mich schon immer liebt…ohne Extra-Leistung, ohne Kampf und mich beweisen müssen?!??
    Mir hat u.a. das walkaway mit dir und Dorothe im Rheingau vor gut 3 Wochen sehr dabei geholfen! Danke nochmals für deine/eure Unterstützung und Reisebegleitung!!!

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