Eigentlich ist nicht Brot das Urgericht der Menschheit. Es ist Suppe. Schon in der Steinzeit, als Brot noch nicht erfunden war, bereiteten Menschen einen breiartigen Eintopf in Kochsäcken aus Tierhäuten. Die Zutaten wurden mit glühenden Steinen aus dem Feuer zum Kochen gebracht und neben dem Feuer gegart. In Bolivien aß ich einmal eine Suppe, die ein glühender Vulkanstein zum Brodeln brachte. Und jedes Jahr zur Kirchweih gibt es hier im Ort einen riesigen Topf Erbsensuppe für alle.

In einer wunderbaren Geschichte erzählt Nossrat Peseschkian von einer solchen Suppe. Im Orient, in Persien, heißt sie Asch. Ein Mann fragte einmal den Propheten Elija nach der Wirklichkeit von Himmel und Hölle und der Prophet führte ihn in einen Palast. Der ganze Raum war von köstlichem Duft erfüllt. Und um einen Suppentopf herum saßen Menschen, die ihren Hunger stillen wollten. Allein es gelang ihnen nicht. Denn die Eisenlöffel, die sie benutzten waren so groß wie sie selbst und durch die Suppe glühend heiß. Nur am Ende gab es einen hölzernen Griff, an dem der Löffel zu halten war. Jeder versuchte nun, sich seinen Teil der Suppe zu sichern. Aber die Löffel waren zu lang und auch der Stärkste bekam ihn nicht an den Mund. Einige verbrannten sich Arme oder Gesicht und verschütteten die köstliche Suppe. Niemand wurde satt, alle waren ganz ausgemergelt und gingen in Hass und Verzweiflung aufeinander los. Es war die Hölle.

Nun führte der Prophet den Gast in einen zweiten Saal, in dem ebenfalls eine köstliche Suppe in einem großen Topf brodelte. Alle hatten die gleichen riesigen Löffel zur Verfügung. Aber hier waren alle wohlgenährt und man hörte nur ein leises, zufriedenes Summen. Die Menschen hatten sich in kleinen Gruppen zusammengetan, immer mindestens zwei. Der eine tauchte den Löffel ein und fütterte einen anderen. Und wenn der Löffel zu schwer wurde, kamen zwei andere mit ihrem Löffel als Unterstützung dazu. Alle wurden satt. Es war der Himmel.

Die Suppengeschichte hilft verstehen, was Jesus sagen will, wenn er vom Himmelsbrot spricht. Wenn es die Suppe oder das Brot an sich wären, die uns glücklich machten, dann müssten wir in den reichen Industrienationen die glücklichsten Menschen der Welt sein. Denn nie vor uns hatten Menschen so viel Nahrung zur Verfügung. Und wir werfen allein in Deutschland jedes Jahr pro Kopf noch 82 Kilogramm auf den Müll. Zugleich gelingt es nicht, allen Menschen weltweit Zugang zu ausreichend Nahrung und Wasser zu verschaffen. Und so hungern die einen seelisch und die anderen körperlich.

Ich möchte einem Missverständnis vorbeugen: Viele glauben (ob bewusst oder unbewusst), die Welt sei ein böser Ort, wo grausame Gesetze herrschen. Fressen und Gefressen werden. Darwins »survival of the fittest«, das »Überleben des Stärkeren« ist zum Schlagwort dafür geworden. Die Übersetzung ist aber falsch. Der Begriff »fit« bezeichnet bei Darwin die Anpassungsfähigkeit der Lebewesen und nicht ihre »Stärke« im Überlebenskampf.

Das Leben ist kein Kampfplatz, wie uns einige weismachen wollen, die vielleicht von solch einer Ideologie profitieren, indem sie Menschen gegeneinander aufhetzen. Biologen verstehen die Natur heute als ein System innerer Abhängigkeiten, bei dem sich die Akteure gegenseitig stärken und nicht schwächen. Alle Nahrungsketten, also das Fressen und Gefressenwerden, sind ein Ausdruck dieser Ausgewogenheit. Das Leben ist zutiefst ein Akt der Kooperation und kein Krieg. Das Evangelium fällt also nicht vom Himmel auf die böse Erde. Das Evangelium ist vielmehr selbst das Herz alles Lebendigen und Jesus öffnet uns die Augen für das Wesentliche. »Das Brot, das Gott gibt« (Johannes 6,31) stillt jeden Hunger und Durst, weil es alles Lebendige miteinander verbindet. Es ist die Quelle von Solidarität, Gemeinschaft und Frieden.

»Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern …«
Johannes 6,35
18. Sonntag im Jahreskreis B

2 Kommentare

  1. Hedi

    Ein wunderschöner Text. Ich danke Ihnen!

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  2. Petra

    DANKE fürs Er-INNERN : LIEBE und Mit-GEFÜHL ist Nahrung, die zu-FRIEDEN macht.

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