Wenn jemand zu mir kommt
und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern,
ja sogar sein eigenes Leben gering achtet,
dann kann er nicht mein Jünger sein.
(Lk 14,27)

Wir haben einen Schmetterlingsflieder im Garten und der macht seinem Namen gerade alle Ehre. Das Tagpfauenauge hat mir heute den Schlüssel geliefert zum Evangelium vom kommenden Sonntag: Jesus fordert darin, die eigene Familie gering zu schätzen, freiwillig zu leiden und seinen ganzen Besitz aufzugeben. Nur wer das tut, könne sein Jünger sein.

Das ist eine Provokation. Und die landläufige Auslegung des Textes noch viel mehr. In der Einheitsübersetzung trägt der Abschnitt die Überschrift "Vom Ernst der Nachfolge". Das erinnert schwer an den "Ernst des Lebens": Streng Dich ordentlich an, sonst wirst Du nix! So sollen dann wohl auch die beiden Gleichnisse verstanden werden: Da ist einer, der einen Turm bauen will, aber nicht fertig wird. Peinlich ist das. Und da ist ein König, der in den Krieg ziehen will, aber einsehen muss, dass er gegen den Gegner nicht ankommt. Auch peinlich. Will Jesus also sagen: Überleg Dir vorher, ob Du es mit mir schaffen kannst, ansonsten lass es lieber!? Und wer kann oder will dann überhaupt noch Jünger sein (vgl. Lk 18,26).

Diese "Streng Dich ordentlich an"-Spritualität passt eigentlich gar nicht zu Jesus, der ein paar Seiten vorher noch zur Sorglosigkeit aufgerufen hat: Sorgt Euch nicht um Euer Leben - lasst Gott für euch sorgen (Lk 12,22-34). Wenn Jesus Leistungsdruck und Strebertum aber ausdrücklich ablehnt, warum sollte er das nun ausgerechnet von jenen fordern, die ihm nachfolgen wollen?

Ein weiser Mensch hat dem Evangelium in der Leseordnung die alttestamentliche Lesung Weish 9,13-19 vorangestellt:

Der vergängliche Leib beschwert die Seele,
und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist.
Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?
(Weish 9,15.17)

Auch Jesus hatte diese Erfahrung des "heiligen Geistes aus der Höhe". In seiner Taufe. Danach ging er in die Wüste und nach 40 Tagen des Fastens und der Versuchung begann er sein öffentliches Wirken. Und ruft uns in seine Nachfolge.

Eigentlich muss jeder Christ diese Erfahrung der Taufe oder der Initiation machen. Das ist bloß in Vergessenheit geraten. Jetzt kommt der Schmetterling ins Spiel: Der ist seit eh und je ein Symbol für Tod und Auferstehung. Denn bekanntlich verbringt er den ersten Teil seines Lebens als hungrige Raupe. Dann muss er in den Kokon. Und erst dann wird er zu einem strahlend schönen Falter.

Das gleiche gilt für das Leben eines jeden Menschen: Es gibt zwei Lebensreisen. In der ersten Reise geht es darum, etwas aufzubauen, Sicherheit zu schaffen, die eigene Identität zu begründen, etc. Das ist die Zeit der Raupe. Dann kommt aber meist ein Tag, an dem viele sich zu fragen beginnen, ob das schon alles war. Diese Zeit nennt man heute gerne "Midlife-Crisis".

Jesus fordert uns auf, unser Kreuz zu tragen und auf unseren ganzen Besitz zu verzichten, das heißt: in den Kokon zu gehen und unseren "vergänglichen Leib" (Weish 9,15) einen geistlichen Tod sterben zu lassen. Der Kokon steht für eine schmerzhafte Zeit des Loslassens, der Geduld, der Hingabe, des Verzichts.

Es gibt Menschen, die den Kokon vermeiden und am Ende immer noch Türme bauen und weiter Kriege führen, weil sie glauben, sich dadurch "selbstverwirklichen" zu können. Diese werden am Ende keine Schmetterlinge, sondern bleiben nimmersatte Raupen.

Dann gibt es die, die zwar in den Kokon hinein- aber niemals herausgehen. Sie sind in Wahrheit nicht bereit, das Kreuz zu tragen. Sie sind nicht bereit, sich den dunklen Seiten des Lebens zu stellen: Dem Leid, der Ungerechtigkeit, der eigenen Vergänglichkeit. Sie stellen zwar alles in Frage, aber sie finden nie eine Antwort. Es gibt für sie keine Lösung und damit auch keine Erlösung. Das Leben erscheint nur noch hart und ungerecht und das macht einen hart und zynisch. Diese Reise endet in der Verbitterung.

Nimmersatte Raupen und in der Verbitterung Verpuppte können nicht Jünger Jesu sein. Jesus fordert von uns, sich im Kokon verwandeln, transformieren zu lassen. Er sucht keine Heiligen, sondern Menschen, die sich anrühren lassen. Bezeichnenderweise hatte Jesus auch nie Probleme mit Sündern oder der Sünde. Mit denen, die glaubten, sie seien keine Sünder - mit denen hat er sich regelmäßig angelegt.

Vorsicht also mit dem "Ernst der Nachfolge": die Gefahr besteht, dass man zu "fleißig" ist. Vor Gott geht es nicht um eine Leistung, das wären spirituelle Türme oder auch geistlicher Besitz, der gehortet wird. Das ist, was Jesus Pharisäern vorwirft, die das Kreuz vor sich hertragen, statt es auf sich zu nehmen.

Bleibt die Frage, wieso Jesus auffordert, die eigene Familie gering zu achten, ja zu "hassen", wie es im griechischen Text heißt. Wo ihm doch die Nächstenliebe so wichtig ist wie die Gottesliebe? Und wie geht das zusammen mit dem Gebot, Vater und Mutter zu ehren? War es Jesus nicht wichtig, dass das Gesetz weiterhin gültig ist?

Die zweite Lesung enthält einen Hinweis (Phlm 9b-10.12-17): Paulus schickt den Sklaven Onesimus an Philemon zurück und bittet diesen, Onesimus als "geliebten Bruder" zu empfangen, nicht mehr als Sklaven. Eine neue Geschwisterlichkeit, die alle Status- und Verwandtschaftsgrenzen überwindet.

Ich habe den Eindruck, dass Jesus deshalb so drastische Worte wählt, weil er weiß, wie mächtig Familien- und Blutsbande sein können. Das Volk Gottes aber ist stärker und umfassender als Familienbande. Aus der Sicht der zweiten Lesung ist das kein Aufruf gegen die Familie, sondern eher ein Aufruf für die Kirche, die die Familie Gottes ist und alle Menschen aller gesellschaftlichen Klassen umfasst, ja die ganze Schöpfung. Kirche kann daher nichts Exklusives sein - etwas Ausschließendes! -, sondern muss über alle Grenzen hinaus einladend und barmherzig sein.

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