Zu viel wird allenthalben vom »lieben Gott« gesprochen und zu wenig vom »wilden Gott«. »Wild« passt einfach nicht zur verbreiteten Vorstellung von einem übernatürlichen Wesen, das nicht chaotisch ist, sondern Ordnung hält. »Wildnis« als vermeintliches Chaos ist für viele geradezu das Gegenteil von einem Zustand der Vollkommenheit.

Die negative Bewertung von allem »Wildfremden« hat in den vergangenen Jahrhunderten unser Selbst- und Weltbild bestimmt. Spätestens seit der Aufklärung lautet in der westlichen Kultur die alles bestimmende Devise, jegliches Nichtmenschliche und Ungezähmte als das zu Überwindende zu betrachten und Stück für Stück in Zivilisation zu verwandeln.

Dabei ist die wilde Natur die allererste Adresse, um dem wilden Gott wieder zu begegnen und – wie Adam und Eva – auf den Ruf »Mensch, wo bist du?« (Gen 3,9) zu antworten. Und eine Antwort auf diese Frage setzt Mut voraus.

Der Gott der Bibel ist ein wilder Gott. Sein Ruf ist kein Befehl und kein Appell. Es ist ein Locken und leises Werben, das Menschen bis heute an die Schwellen und Grenzen zieht, in unbekannte Gefilde, ins Abenteuer, in die Wildnis. Wo bist du? Es ist letztlich dieser Ruf, der Jesus in die Wüste zog, wo er eine Weile »bei den wilden Tieren« lebte (Mk 1,13). Es ist dieser Ruf, der Franz von Assisi hinauszog an die Grenzen der Gesellschaft und dazu führte, dass er einen großen Teil seines Lebens draußen in der Natur verbrachte.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018.

„Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm“ (Mk 1,13)
Erster Fastensonntag B

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .