Es gibt Menschen, die betrachten die Zehn Gebote (Ex 20,1-6) als eine Art Hausordnung Gottes: Wir sollen dieses und jenes tun und anderes wiederum nicht. Und wer sich nicht dran hält, wird bestraft oder ausgeschlossen. Aber dieses Denken greift zu kurz. Es geht nicht darum, dass wir brave Mieter sind, so als wäre Gott der Hausmeister. Es geht um das Leben, die Seele und um Freiheit.

Die 10 Gebote sind kein Pflichtprogramm. Das Hebräische kennt den Ausdruck „du sollst“ überhaupt nicht. Stattdessen heißt es wörtlich übersetzt eher „du wirst“: „Du wirst“ keine anderen Götter neben mir haben, „du wirst" am siebten Tag ruhen, „du wirst" nicht morden, „du wirst" nicht stehlen.

Wer sich also mit dem Gott Israels verbündet, der wird ihn als den Urgrund der Schöpfung erkennen und anerkennen (Ex 20,2-7), wird sich eingrooven in den Rhythmus dieser Schöpfung (Ex 20,8-12) und in gewaltfreien und wertschätzenden Beziehungen leben (Ex 20,13-17).

Der Bund mit Gott ist kein exklusiver moralischer Club, für den man sich die Mitgliedschaft verdienen muss. Jedes Geschöpf ist aus seiner puren Existenz heraus würdig, an diesem Bund teilzuhaben, auch der Mensch. Mit einem Unterschied: der Mensch hat die Freiheit, sich abzuwenden.

Der Bund mit Gott ist das tiefe Verbundensein mit dem Schöpfer und damit dem Ursprung allen Seins. Jesus erinnert in seinen Predigten an dieses Seelenwissen, das in allem Geschaffenen liegt. Er spricht z.B. von den Lilien auf dem Feld, von den Raben und vom Gras (Lk 12,27), die sich von Gott nähren und kleiden lassen.

Der Bund mit Gott ist das Dasein im Kreis des Lebens und wer jetzt hinschaut, kann das sehen: Woher weiß das Schneeglöckchen, dass es Zeit ist, aufzubrechen? Woher wissen die Kröten und Frösche und Insekten, dass der Frühling kommt? Woher wissen die Zugvögel, wann es Zeit ist, sich auf den eigenen Weg zu machen?

Man könnte auch so sagen: Wer mit dem Universum Gottes verbunden ist und die Kreisläufe der Natur achtet und beachtet (Ex 20,11), der wird aus innerem Seelenwissen heraus ein Leben im Gleichgewicht führen. Dafür steht in den 10 Geboten symbolisch der Shabbat, ein wöchentlicher Ruhetag, so wie der Winter in den Jahreszeiten oder der Schlaf im Tagesablauf. Das ist keine Pflicht, das ist Schöpfung.

Diese Schöpfungsspiritualität kennt keine Askese, keine Pflichtübungen, die einen erst würdig machen. Die Schöpfungsspiritualität kennt nur die Sehnsucht, sich wieder mit dem Urgrund und dem inneren Seelenwissen zu verbinden, um leidenschaftlich aus dieser Quelle zu leben und sich und die anderen zu nähren.

Aus dieser Leidenschaft heraus erklärt sich vielleicht auch der Ausbruch Jesu im Tempel, wo er den Händlern und Geldwechslern die Tische umstößt und sie mit einer Peitsche hinaustreibt (Joh 2,13-25). Die Geschichte ist eine Warnung davor, Institutionen wie den Tempel (oder die Kirche?!) an die Stelle Gottes zu setzen. Institutionen sind für den Menschen da und nicht die Menschen für die Institutionen (Mk 2,27).

Wer eine Institution oder eine Ideologie für wichtiger erklärt als die Menschen und ihr inneres Wissen, ihren Glauben, der steht schon nicht mehr im universalen Bund mit Gott. Denn vor nichts und niemanden wird sich ein Mensch niederwerfen, der im „Tempel seines Leibes“ (Joh 2,21) den Gott alles Lebendigen schaut. Dieser Mensch wird sich aber vielleicht - wie Jesus - zur rechten Zeit am rechten Ort mit Leidenschaft bemerkbar machen, wenn die Schöpfung und die Freiheit bedroht sind.

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