Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen.
Und während er betete, öffnete sich der Himmel,
und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab,
und eine Stimme aus dem Himmel sprach:
Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
(Lk 3,22)

Wer das Foto in Verbindung mit diesem Text kitschig findet, hat wahrscheinlich auch selten solche Augenblicke, in denen das Foto entstanden ist: wo auf einer stundenlangen Fahrt durch die bolivianischen Anden der Regen abzieht und der Himmel aufreißt. Diese Augenblicke, in denen Gott nicht bewiesen werden muss.

Der Himmel riss auch bei der Taufe Jesu auf, heißt es bei Lukas. Ich habe immer gedacht, die "Taufe des Herrn" sei eine öffentliche Angelegenheit und der Himmel habe sich vor aller Augen aufgetan, damit alle sehen, dass Jesus der Auserwählte ist. Ein Wunder, ein Zeichen sozusagen. Von Reaktionen ist aber gar nicht die Rede im Text. Die kommen erst, als Jesus anfängt zu predigen (ab Lk 4,14).

Was würde es also bedeuten, wenn das von Lukas beschriebene Geschehen die subjektive Perspektive Jesu darstellt? Ließ er sich mit den anderen zusammen taufen, um selbst bereit zu sein für den, dem Johannes der Täufer vorauszugehen glaubte (Lk 3,16)? Ging Jesus also zunächst gar nicht davon aus, dass er selbst der Messias war, sondern hat sich einfach eingereiht? Feiern wir also im Fest "Taufe des Herrn" sozusagen eine Initiation Jesu, die ihn zu einem geistlich-spirituell "Erwachsenen" macht und in die Gemeinschaft der Initiierten und den Stammbaum seiner geistlich-spirituellen Vorfahren einfügt (Lk 3,23-38)? Und was bedeutet dann die vierzigtägige Wüstenzeit, in der er mit seinem Schatten kämpft (Lk 4,1-12) und die ihn schließlich offenbar zu dieser Überzeugung führt:

Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
(Lk 4,18-19)

Was wäre, wenn alle Christinnen und Christen aus der Erfahrung leben würden, dass der Himmel aufreißt und sie geliebte Söhne und Töchter sind? Was wäre, wenn alle Christinnen und Christen solche Worte wie aus dem Buch des Propheten Jesaja so radikal auf sich beziehen würden wie Jesus? Wenn sie glauben würden, dass sie berufen sind, etwas Gutes, etwas Befreiendes zu tun?

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