Herr, die Hälfte meines Vermögens
will ich den Armen geben,
und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe,
gebe ich ihm das Vierfache zurück.
(Lk 19,8)

Die Geschichte von Zachäus, dem reichen Oberzöllner, kennt jedes Kind. Es ist ein kleines Wunder, das da geschieht: Da steigt einer aus und verlässt das System von Macht, Karriere und Reichtum. Er tut, was Johannes der Täufer schon gefordert hatte, und bringt Früchte der Umkehr (Lk 3,8): "Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat" (Lk 3,11) und "Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist" (Lk 3,13). Und Zachäus geht sogar noch weiter und gibt vierfach zurück.

Die Geschichte, die danach kommt, das "Gleichnis vom anvertrauten Geld" (Lk 19,11-28), hat leider nicht Eingang in die Sonntags-Leseordnung gefunden. Der Text führt ein Schattendasein, weil er schwierig ist: Da will einer ein Königtum erwerben und beauftragt seine Beamten, mit seinem Besitz zu handeln. Seine Bürger wollen nicht, dass er König wird. Am Ende wird abgerechnet. Der fleißigste Beamte hat das Geld verzehnfacht und wird Herr über zehn Städte. Der zweite Herr über fünf. Der dritte Beamte hat nichts erwirtschaftet, er hat sich geweigert, weil er dem König vorwirft, seinen Besitz ungerecht erworben zu haben. Also wird ihm sein Geld abgenommen und dem fleißigen gegeben. Die Dabeistehenden sagen: Der hat doch schon zehn. Da lässt der König seine Feinde "abschlachten" und erklärt:

Ich sage Euch:
Jedem Habenden wird gegeben werden,
von dem Nicht-Habenden aber,
auch was er hat, wird weggenommen werden.
(Lk 19,26)

Diese Worte spricht Jesus auch schon im Gleichnis vom Sämann (Lk 8,18). Und das "ich sage Euch" steht immer dann bei Lukas, wenn Jesus mit Autorität spricht. Soll also tatsächlich das Gleichnis ein Bild für Jesus sein, der eines Tages als König wiederkommen wird und dann mit uns abrechnet, was wir aus dem uns anvertrauten Gut gemacht haben? Sind die Vorwürfe des dritten Sklaven nur eine Projektion, zu der uns die eigene Faulheit und Mittelmäßigkeit führt? Stellt uns das ganze Gleichnis also auf drastische Weise dar, wie hart Gott sein kann und wird? Und die Feinde? Sind das dann die Juden, die ja Jesus nicht anerkennen wollten?

Ich will diese klassische Auslegung nicht einfach so akzeptieren. Und vielleicht führt der Text deshalb ein Schattendasein, weil eigentlich jeder vernünftige Mensch merkt, dass da etwas nicht stimmt. Was wollte Lukas uns damit sagen? Hat er sich da verrannt? Was für ein Bild von Gott, Jesus und den Juden wird da gezeichnet?

In Basisgemeinden Lateinamerikas wird dieser Text ganz anders verstanden: Da ist der dritte Sklave der Held, der das ungerechte System von Machtstreben und Besitzanhäufung nicht mitmacht. Denn das Wort, das Jesus da spricht, beschreibt sehr gut, wie es in der Welt bis heute zugeht: Wer hat, bekommt noch mehr. Und die Armen immer weniger. Und hatte nicht Maria schon im Magnificat gejubelt, dass nun mit Jesus alles anders wird:

Gott vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten,
er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind,
er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.
(Lk 1,51-53)

Was also anfangen mit dem Gleichnis vom anvertrauten Geld? Und was hat diese Geschichte mit der vom Sämann zu tun? Dort geht es um eine Naturbeobachtung: Wer fruchtbare Erde hat, der kann Früchte bringen. Wer keine hat, dem wird das bisschen Leben, das im Samen steckt auch noch genommen. In Geld-Gleichnis geht es nicht mehr um die Schöpfungsordnung, sondern die Weltordnung: Machtstreben, unrechtmäßig erworbener Besitz, Vermehrung von Geld, Ungerechtigkeit, ein System mit Verlierern und Opfern, in dem kein Widerstand geduldet wird.

Ich vermute, Jesus soll gar nicht mit dem König gleichgesetzt werden, sondern genau das Gegenteil: Lukas beschreibt ein Anti-System und ein Anti-Szenario zum Reich Gottes. Der König ist das Gegenbild zu dem Jesus, der kurz darauf auf einem Esel in Jerusalem einreitet und ein Königtum "von unten" repräsentiert, das - wie wir wissen - am Kreuz endet, weil sich die Machthaber bedroht fühlten.

Dann wäre das Gleichnis eine Warnung an alle, die nach der Bekehrung glauben, dass das Reich Gottes schon ganz nah sei und mit Macht kommt (Lk 19,11). Nein, sagt Jesus: Wer Gott dient, kann nicht gleichzeitig dem Mammon dienen (Lk 16,13) und wer ins Reich Gottes geht, setzt damit seine Existenz in der Welt auf's Spiel. So wie Zachäus, dessen großer Verzicht defacto die Aufgabe seines Berufs bedeutete, denn die Zollpacht gründete auf einem großen Vermögen, das als Sicherheit diente, denn der Zollpächter musste mit der Pacht in Vorleistung treten und die Steuern dann bei den Leuten eintreiben.

Der dritte Sklave wäre damit ein Bild für Zachäus und das Gleichnis die Aufforderung zu einem Widerstand gegen ein System, das ungerecht ist und Opfer fordert: Sozialer Aufstieg, die Beherrschung von Dingen und Menschen, Status, Prestige und Besitz sind keine Ideale im Reich Gottes. Zachäus hat das kapiert und den einzigen sinnvollen Schluss gezogen: Der einzige gewaltfreie Ausweg aus der Komplizenschaft mit dem System sind Status- und Besitzverzicht und eine sehr einfache Lebensführung.

Auch wenn das eine harte Kost ist, so gab es in der Geschichte des Christentums und damit in der Auslegungsgeschichte dieses Textes immer ein Bewusstsein für diesen politischen Aspekt der Reich-Gottes-Verkündigung:

Hlg. Hilarius von Poitiers (+367):
„Heute ... kämpfen wir gegen eine verborgene Verfolgung, gegen einen Feind, der uns schmeichelt: der [uns] nicht die Rücken auspeitscht, sondern den Bauch streichelt; er ächtet [uns] nicht zum Leben, sondern bereichert [uns] zu Tode; er drängt [uns] nicht ins Gefängnis zur Freiheit, sondern im Palast ehrt er [uns] zur Sklaverei; nicht Ziegel reißt er nieder, sondern besetzt das Herz; nicht schlägt er [uns] das Haupt mit dem Schwert ab, sondern die Seele quält er mit Gold; ... Christus wird verehrt, um [in Wirklichkeit] beherrscht zu werden, Christus wird gepriesen, um [in Wirklichkeit] geleugnet zu werden …“
(Liber contra Constantium Imperatorem I,5)

 

Hlg. Franziskus (+1226):
„Ein Novize sagte: Vater, es wäre mir ein großer Trost, einen Psalter zu haben. Da sprach der selige Franziskus zu ihm: Nachdem du einen Psalter erhalten hast, wirst du nach einem Brevier verlangen und es haben wollen. Und nachdem du ein Brevier erhalten hast, wirst du auf der Kathedra sitzen und wie ein hoher Prälat zu deinem Bruder sagen: ‚Bring mir das Brevier!‘“
(Der Spiegel der Vollkommenheit 4)

 

Dorothy Day (+1980):
"We need to change the system. We need to overthrow not the government, but this rotten, decadent, putrid industrial capitalist system which breeds such suffering."
"Wir müssen das System ändern. Wir müssen nicht die Regierung stürzen, sondern dieses miese, dekadente, verfaulte industrielle kapitalistische System, das solches Leid hervorbringt."
("On Pilgrimage", Catholic Worker 1956)

 

Papst Franziskus (2013):
"Jesus selbst hat gesagt:
»Niemand kann zwei Herren dienen: entweder dient man Gott oder dem Geld« (vgl. Mt 6,24). Im Geld lag dieser ganze weltliche Geist; Geld, Eitelkeit, Hochmut. … Der Herr schenke uns allen den Mut, uns frei zu machen – aber nicht von 20 Lire, sondern vom Geist der Welt, der die Lepra, das Krebsgeschwür unserer Gesellschaft ist! Er ist das Krebsgeschwür der Offenbarung Gottes! Der Geist der Welt ist der Feind Jesu!"
(Ansprache am 4. Oktober 2013 in Assisi)

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