Wer sein Leben retten will,
der wird es verlieren.
(Matthäus 16,26)
Wenn sich ein Modeladen "Forever 21" nennt, dann steckt dahinter höchstwahrscheinlich nicht bloß ein Augenzwinkern, sondern eine Marketingstrategie, die sich mit den gegenwärtig vorherrschenden Sehnsüchten der Kundinnen auskennt: Die ewige Jugend. Und ja, wer will auch Gesundheit, Schönheit, körperliche Kraft und geistige Flexibilität gegen das jeweilige Gegenteil tauschen: Krankheit, Verfall, Schwäche, am Ende vielleicht Demenz?
 
Ähnliche Fragen könnte man an das wirklich schwierige Evangelium von diesem Sonntag stellen: Als Jesus sein Leiden und Sterben ankündigt, nimmt ihn Petrus beiseite, macht ihm Vorwürfe und sagt: "Das darf nicht geschehen!" Die Antwort Jesu ist heftig: "Satan" nennt er Petrus. "Geh mir aus den Augen!" Aber warum soll es verwerflich sein, Leiden und Sterben verhindern zu wollen? Wie können Leiden und Sterben erstrebenswert sein?
 
Ein Wort erregt meine Aufmerksamkeit: Jesus sagt nicht, jeder nehme "mein" Kreuz, sondern jeder nehme "sein" Kreuz auf sich. Das "Kreuz" kann demnach für jeden Menschen eine andere Gestalt haben? Ist es ein Symbol für die Schattenseite, die ein Bestandteil des Lebens ist? Gehört das "Kreuz" dazu, so wie auf die Jugend das Alter folgt oder auf den Tag die Nacht? Will dieses Evangelium uns das mitteilen?
 
Die amerikanische Theologin Barbara Brown Taylor schreibt etwas Schönes zur "dunklen Seite" des Lebens (in Anlehnung an Johannes vom Kreuz): 
Gott schaltet uns die Lichter aus, um uns zu schützen, denn gerade, wenn wir glauben zu wissen, wohin wir gehen, laufen wir Gefahr, zu stolpern. Wenn wir den Pfad nicht mehr sehen können, wenn wir die mitgebrachten Karten nicht mehr lesen können, wenn wir nichts mehr spüren im Dunkeln, das uns sagen könnte, wo wir uns befinden, dann und nur dann sind wir empfänglich für Gottes Schutz. Das bleibt wahr, selbst wenn wir Gottes Gegenwart nicht erkennen können. Das einzige, was die dunkle Nacht von uns fordert, ist bewusst zu bleiben. Wenn wir in dem Moment bleiben können, in dem Gott am meisten abwesend scheint, wird die Nacht das Übrige tun.
Wer einmal eine oder mehrere Nächte in der Wildnis bzw. in der freien Natur verbracht hat, der wird wissen, was es bedeuten kann, wenn die Nacht einen neuen Morgen hervorbringt. Eine Erfahrung, die tatsächlich nur machen kann, wer zulässt, dass das Licht ausgeht. Und Jesus kündigt schließlich auch nicht nur sein Leiden und Sterben an, sondern auch seine Auferstehung (Matthäus 16,21).
 
Ich bewundere Menschen, die es schaffen, die dunklen Seiten in ihr Leben zu integrieren. Sie sind eben gerade keine finsteren Zyniker oder todesverliebte Melancholiker. Sie wissen, dass es beide Pfade gibt, die "via Positiva" und die "via Negativa". Sie - und ich habe den Eindruck nur sie - können strahlen wie ein neuer Morgen. Und oft sind sie es, die sich bis zuletzt gegen Ungerechtigkeit auflehnen und - wie Jeremia - schreien "Gewalt und Unterdrückung!" (Jeremia 20,8), obwohl sie sich damit keine Freunde machen, sondern "Spott und Hohn" ernten. Übrigens haben sie natürlich überhaupt kein Problem damit, dass sie nicht "für immer 21" sind 😉
 
 

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