Angeblich steht in der Bibel 365mal „Fürchte Dich nicht!“. Für jeden Tag einmal. Ob das stimmt, habe ich nicht nachgeprüft, aber im Kern enthält die Aussage jedenfalls eine Wahrheit: Die Geschichten der Heiligen Schrift wollen nicht bewirken, dass wir uns schlecht fühlen und unwürdig. Sie wollen uns hinauslocken ins Leben!

Auch die Schöpfungserzählung (Genesis 2,4-4,2) ist so eine „Fürchte Dich nicht!“-Geschichte, obwohl sie traditionell mit dem Begriff „Erbsünde“ verbunden ist. Traditionell heißt es, Adam und Eva hätten durch ihre Lust auf die verbotene Frucht, das Elend und die Sünde in die Welt gebracht.

Dabei ist in dem Text gar nicht von Sünde die Rede. Das Wort kommt überhaupt nicht vor! Stattdessen erzählt die Geschichte von einer Veränderung: Die Augen gehen ihnen auf und sie erkennen, dass sie nackt sind (Genesis 3,7). Diese Erkenntnis bleibt freilich nicht folgenlos. Gott ruft den Menschen: „Wo bist Du?“ (3,9). Und der Mensch antwortet:

… da geriet ich in Furcht,
weil ich nackt bin,
und versteckte mich.
(Genesis 3,10)

Die Erkenntnis über die eigene Nacktheit, Verletzlichkeit, Endlichkeit macht Angst. Und der Mensch versteckt sich. Aber Adam und Eva folgen dem Ruf Gottes und verlassen ihr Versteck, und sie erzählen alles genau so wie es war. Sie schauen der Wirklichkeit ins Angesicht!

Das Wort Sünde taucht zum ersten Mal ein Kapitel weiter auf, als Kain seinen Bruder umbringt. Auch er wird gefragt: „Wo ist Dein Bruder?“ Aber Kain sagt: „Ich weiß es nicht!“ (4,9) Kain lügt. Er schaut der Wirklichkeit nicht ins Angesicht und später heißt es, Kain ging weg vom Angesicht des Herrn (4,16).

Die Bibel erzählt uns mit der Schöpfungserzählung also, so könnten wir es heute sagen, weniger etwas von Erbsünde, sondern mehr von einer Erbangst: Die Angst zu kurz zu kommen, die Angst vor Schmerz und Leid, die Angst vor den eigenen Möglichkeiten. Es ist die Angst, die uns am Leben hindert, und die zur Sünde führen kann. Und Adam und Eva sind nicht die Sündenböcke, sondern gehen mit allerbestem Beispiel voran.

Tatsächlich könnte man ja nun erwarten, dass Adam und Eva bestraft und verdammt werden. Tatsächlich müssen sie sich auch einige unangenehme Dinge anhören von harter Arbeit und dem Gebären unter Schmerzen. Aber die Beziehung mit dem Schöpfer bleibt bestehen. Und es ist eine gute Beziehung, geprägt von Zärtlichkeit und Vertrauen.

Denn Gott verhält sich wie eine Mutter und kleidet die Menschen mit Fellröcken (3,21). Adam nennt seine Frau Eva, was soviel heißt wie Leben. Und als Eva ihren ersten Sohn zur Welt bringt, nennt sie ihn Kain, was soviel heißt wie „empfangen vom Herrn“ (4,1).

Der große Überlebenstanz, die harte Arbeit, die Schmerzen und die Gefahren und Unvollkommenheiten dieser Welt, all das ist nicht Strafe, sondern Realität. Wir Menschen sind fähig diese dunkle Seite der Schöpfung zu erkennen. Es geht nicht darum, diese Wirklichkeit aus der Welt zu schaffen, sondern in dieser Welt mit dieser Wirklichkeit zu leben. Im Vertrauen.

Wenn man den Begriff „Erbsünde“ also mit „Erbangst“ übersetzt, dann feiert die katholische Kirche heute das „Hochfest der ohne Erbangst empfangenen Gottesmutter Maria“. Maria hatte keine Angst, JA zu sagen - trotz aller Fragen und Schwierigkeiten. Insofern reiht sie sich ein in die große biblische „Fürchte Dich nicht!“-Tradition.

Anregung für einen Ausflug in die Schöpfung:
Wie gehen Tiere und Pflanzen in Deiner Umgebung mit Unvollkommenheit, Verletzlichkeit und Endlichkeit um?
Wovor hast Du Angst? Wovor versteckst Du Dich?
Wer braucht Dich und Deine Hilfe? Wem kannst Du sagen "Fürchte Dich nicht!"?

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