Gehorsam

von | Sonntag, 22. März 2015

Die heutige Lesung ist eine Herausforderung. Jesus habe „durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8). Diese Vorstellung passt so gar nicht in unsere Zeit: Viele empfinden das Bild von einem Gott, der bedingungslos Gehorsam und Sühne fordert, als eine Zumutung, vor allem, wenn es dazu missbraucht worden ist, Menschen zu beherrschen und ihnen die Freiheit zu nehmen.

Nach der biblischen Schöpfungserzählung durfte Adam nicht vom Baum der Erkenntnis essen, tat es aber trotzdem und sein Ungehorsam stürzte die ganze Menschheit in Ungnade. Deshalb braucht es Jesus, der durch sein Leiden die Erbschuld der Menschen bei Gott begleicht. Der freie Wille des Menschen ist nach dieser Vorstellung kein Wert, sondern die Wurzel allen Übels.

Das Menschenbild hinter dieser Vorstellung ist negativ und ich kann sehr gut verstehen, dass diese Vorstellungen immer weniger Verständnis finden. Wir geraten in eine Sackgasse, wenn die biblischen Texte nur moralisch interpretiert werden. Der Gehorsam, um den es in der Lesung aus dem Hebräerbrief geht, ist keine moralische Frage. Da heißt es nämlich über Jesus:

Als er auf Erden lebte,
hat er mit lautem Schreien
und unter Tränen
Gebete und Bitten vor den gebracht,
der ihn aus dem Tod retten konnte,
und er ist erhört
und aus seiner Angst befreit worden.
Obwohl er der Sohn war,
hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt …
(Hebr 5,7-8)

Es geht nicht um Strafe oder Sühne, sondern um die existentielle Frage nach dem Umgang mit Leiden. Jesus ist hier ganz Mensch: Er schreit und weint, betet und fleht. Gott, der Herr über Leben und Tod, erhört Jesus, bewahrt ihn aber nicht vor dem Tod, sondern befreit ihn „aus seiner Angst“.

Die Botschaft ist nicht moralisch, sondern eher kosmologisch: Gott schickt seinen geliebten Sohn in die Kreisläufe, die er geschaffen hat. Der Tod gehört dazu. Ohne Tod kein Leben. Das ist ein inneres Prinzip der Natur und das wird jeder Evolutionsbiologe bestätigen. Und Jesus hatte keine Angst mehr davor.

Gehorsam bedeutet also hier überhaupt nicht, sich völlig widerspruchslos in sein Schicksal zu ergeben. Im Gegenteil. Dieser Gehorsam bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes zu ge-HORCHEN und das anzuschauen und anzunehmen, was sich nicht ändern lässt – im Vertrauen darauf, dass das Leiden (ebenso wie die Liebe) ein Türoffner sein kann zu Gott:

Gewiss, Leiden kann uns in zwei unterschiedliche Richtungen führen. Es kann uns sehr bitter machen und uns völlig verschließen. Oder es macht uns weise, mitfühlend und vollkommen offen; entweder weil unser Herz erweicht wurde, oder vielleicht deshalb, weil wir im Leiden das Gefühl entwickeln, sowieso nichts mehr zu verlieren zu haben. Wir geraten oft derart an den Rand unserer inneren Kräfte, dass wir – auch gegen unseren Willen – ‚in die Hände des lebendigen Gottes fallen‘ (Hebr. 10,31). Wir sollten alle um die Gnade dieses zweiten Weges beten, um ein Weich,- und Offen-Werden. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass genau dies mit dem Satz aus dem Vater-Unser gemeint ist: ‚und erlöse uns von dem Bösen‘. Wir bitten nicht, um dem Leid auszuweichen. Es ist eher so, als ob wir beten: ‚Wenn die große Anfechtung kommt, Gott, dann halt mich fest, und lass mich nicht bitter oder vorwurfsvoll werden‘ – denn sonst entsteht das Böse, das zu vielem anderen Bösen führt.
(Richard Rohr)

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