Einer von neun Menschen auf der Welt hungert. Jedes Jahr sterben mehr Menschen an Hunger als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. Bis 2015 wollten die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen diese Zahl der Hungernden weltweit eigentlich halbieren. Es sieht leider nicht so aus, als würden sie das Ziel erreichen.

Da klingt es ziemlich utopisch, wenn der Prophet Jesaja heute eine „Heilsbotschaft“ für die Armen verkündet und so tut, als wenn Gottes Gerechtigkeit von alleine - quasi ganz natürlich - käme. Oder?

Denn wie die Erde Saaten hervorbringt
und der Garten Pflanzen sprossen lässt,
so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit sprossen ...
(Jesaja 61,11)

Der Vers ist ein Beispiel dafür, wie tief die Weisheit der Bibel in der Schöpfungsspiritualität wurzelt.

Ich habe das früher oft übersehen. Spätestens seit ich Gemüsegärtner bin, ist das anders. Ein einziger Same wächst vor meinen Augen zu einer Pflanze heran mit hunderten von neuen Samen. Ökonomisch betrachtet ist das Verschwendung. Aber genau das ist das Erfolgsgeheimnis der Evolution, sagen Biologen: Überfluss und Vielfalt. Warum klappt das bei uns Menschen nicht mit dem Überfluss und mit der Vielfalt für alle?

Einige sagen, es müsse ja erst einmal genug Überfluss produziert werden und dann würden auch die Armen davon profitieren. Wir wissen aber längst, dass diese Theorie eine Lüge ist. Es ist schon genug für alle da, aber es wird nicht ver(sch)wendet: Zum Beispiel lagern Spekulanten Getreide oder andere Lebensmittel ein, weil sie sie später zu einem höheren Preis verkaufen wollen. Da lagert also tonnenweise Nahrung, während Menschen an Hunger sterben!?

Eigentlich ist klar, was helfen würde: Den Überfluss teilen. Johannes der Täufer sagt ganz lapidar: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eins davon dem, der keins hat, und wer zu essen hat, der mache es ebenso“ (Lukas 3,11). Teilen kann aber nur, wer keine Angst hat, selbst zu kurz zu kommen. Und das scheint mir das Entscheidende.

Das Bild von der „sprossenden Gerechtigkeit“ bei Jesaja ist nicht Utopie, sondern Symbol eines Urprinzips der Schöpfung: Alles hängt mit allem zusammen. Nichts und niemand existiert für sich. Alles lebt miteinander voneinander.

Es sind Menschen, die aus diesem Tanz des Lebens einen Kampf machen, in dem alle um das Überleben streiten gegen den nächst Stärkeren. Wer aus diesem System der Angst aussteigt und darauf vertraut, dass Gott Leben und Gerechtigkeit sprießen lassen wird, der „ebnet den Weg für den Herrn" (Joh 1,23).

Anregung:
Schau Dir die Pflanzen, Tiere und Menschen an, die in Deiner Umgebung zu Hause sind.
Wer nährt wen?
Wer oder was nährt Dich?
Wonach hungert Dich (wirklich)?
Wen kannst Du nähren?

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