Zwar beklagen hierzulande – auch bei uns im Ort – die treuen Katholiken, dass nur noch ein Bruchteil der Gläubigen teilnimmt am „Gemeindeleben“. Aber was, wenn dann plötzlich doch welche kommen, weil einer spirituell anziehende Dinge tut, so wie Jesus? Alles beginnt mit der höchst verdächtigen Tatsache, dass Jesus eine Menge Menschen anzieht.

„Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21), sagen die Angehörigen Jesu. „Er ist besessen“ (Mk 3,22), sagen die Schriftgelehrten. Ich frage mich, ob das heute wirklich anders laufen würde in unseren Gemeinden. Wer dazugehören will muss ja vor allem regelmäßig und pünktlich zu den „Mahlzeiten“ erscheinen, im Haushalt helfen, für Ordnung sorgen, den Müll raustragen usw. In Kirche geht es vielerorts zu wie in patriarchalischen Familien. Es ist schwer rein und vielleicht noch schwerer, wieder rauszukommen. Und Papa sagt, wo es langgeht.

Was Jesus bringt, ist eine größere Zugehörigkeit. Familie, Gemeinde, all das ist ein Teil und vielleicht ein kleiner Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Das Reich Gottes aber ist größer. Allumfassend. Paulus wird es später theologisch so formulieren: Er wird von der ganzen Schöpfung sprechen, die in Geburtswehen liegt (Röm 8,22), und vom „Leib Christi“, an dem nicht alle Anteil HABEN, sondern in dem alle ein Teil des Ganzen SIND (1Kor 12,27).

Wenn diese Weite in den Kirchengemeinden herrschte, was wären das dann für Orte? Jedenfalls keine spießigen Einfamilienhäuser, sondern eher „Berghütten“, wie es der Pastoraltheologe Herbert Haslinger einmal formuliert hat. Orte, an denen ich einkehren kann, wenn ich etwas brauche im Leben: Ein Dach über dem Kopf für die Nacht oder Rettung vor dem Unwetter, Orientierung, Stärkung, Erholung etc.

Was wäre also, wenn es in unseren Gemeinden um das Leben ginge mit allen Fragen und Herausforderungen, die es mit sich bringt? Ich stelle mir vor, wie Jesus jeder und jedem einzelnen vor Augen geführt hat, dass ihr und sein Leben einen individuellen Mythos schreibt. Dass er und sie höchstpersönlich gemeint und ganz und gar akzeptiert ist, so dass es möglich wird, sich langsam von dem zu lösen, was Paulus „Sünde“ nennt, damit die individuelle Gabe jedes Menschen sichtbar werden kann.

Es ist ja so: Erst wenn Kirche Selbstzweck wird, macht der Versuch überhaupt Sinn, von außen beurteilen zu wollen, wer würdig ist und wer nicht (z.B. die heilige Kommunion zu empfangen usw.). Wenn Kirche nicht radikal den geschwisterlichen Blick Jesu einnimmt und die Leute ernst nimmt, wird es bald vielleicht wirklich nur noch einen verbitterten oder sich selbst beweihräuchernden Rest geben, der sein Ego nährt durch die Abgrenzung von anderen, die nicht dazu gehören. Wen soll das anziehen? Wem hilft das?

Was wäre, wenn die Herbergsmütter- und väter – also jene, die sich um die Berghütte kümmern -, alle Reisenden willkommen heißen würden, statt sie an der Türschwelle abzuweisen (oder auch gleich für immer dabehalten und in Dienst nehmen zu wollen). Wenn sie zuerst wie Jesus auf die Menschen blicken würden und erst dann auf die Institution, die Tradition und alles andere, dann hieße es auch nicht „du darfst bei uns mitmachen – so machst du es richtig“, sondern „willkommen in der Nachfolge Jesu – Wie gehst du durch’s Leben? Brauchst du einen Rat?“. Ja, das macht einen Unterschied, weil das eine kontrollieren will und das andere einlädt auf einen Weg. Und ich schätze, dann wären die Berghütten voll mit Schwestern und Brüdern, die auf der Suche sind.

»Er blickte auf die Menschen …«
(Markus 3,34)
10. Sonntag im Jahreskreis B

2 Kommentare

  1. i.schäfer

    Ich stelle mir vor, wie die Berghütten/-Kirchen voll mit Schwestern und Brüdern sind……

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  2. Imke

    Ohja, welch schöne Vision …sehr gut formuliert!!! Danke Jan und liebe Grüsse aus dem Norden!

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