Das ist der drittgrößte Staudamm der Welt. Zumindest ein Teil davon. Belo Monte in Brasilien. Ich konnte heute dieses Bild machen: Es ist ein Symbol des Fortschritts und ein Ausdruck dessen, was Menschen leisten können. Aber es ist auch ein Symbol der Gewalt.

Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten,
ihre Völker unterdrücken
und die Mächtigen ihre Macht
über die Menschen missbrauchen.
Mk 10,42

Könnte es ein passenderes Evangelium geben, als das von heute? Denn das Projekt ist für die brasilianische Regierung so wichtig, dass sie nicht nur die Meinung der Menschen in der Region übergeht, sondern auch die Rechte der Ureinwohner und Naturschutzgesetze.

Ganz zu schweigen vom Regenwald selbst. Die Tiere und Pflanzen dort zählen sowieso nicht. Und wahrscheinlich würden viele schon den Gedanken, dass sie eventuell auch gefragt werden müssten, als völlig naiv bezeichnen.

Mehr als zwanzig Gerichtsverfahren laufen gegen das Projekt und die brasilianische Präsidentin selbst ist in einen Korruptionsskandal verwickelt, bei dem auch die an Belo Monte beteiligten Konzerne ins Visier geraten sind. Der Staudamm wird dennoch gebaut. Jetzt. Wenn später auch herauskommen mag, dass der Bau nicht rechtens gewesen ist, ändert das nichts mehr an den Fakten.

Die brasilianische Regierung und letztlich alle, die an Belo Monte verdienen - auch deutsche Firmen! - haben den Bau des Staudamms also mit aller denkbaren Gewalt durchgesetzt. Und es ist erst der Anfang. Belo Monte könnte der „Dolchstoß“ für den Amazonas sein, sagt Dom Erwin Kräutler, der Bischof vom Xingu, den wir hier für ein Filmprojekt getroffen haben.

Wenn der Wasserstand nicht gleichmäßig sein wird - und das ist zu erwarten -, dann soll oberhalb ein weiteres Staubecken angelegt werden und es sollen weitere Staudämme folgen. Geht es nach der Regierung, soll das ganze Amazonas-Gebiet industrialisiert werden.

Wenn aber der Wasserkreislauf des Amazonas-Regenwaldes durch Abholzung und weitere Staudämme unterbrochen würde, dann könnten sich nicht nur Brasilien und ganz Südamerika in eine Steppe verwandeln (diesen Sommer gab es bereits Wassermangel in Sao Paulo im Süden Brasiliens), sondern es könnte auch das globale Klima durcheinander geraten. Man muss schon sehr optimistisch sein, um das Gegenteil anzunehmen.

Das Paradox daran: Wenn der Regenwald stirbt, bleibt auch das Wasser aus und das Kraftwerk funktioniert nicht mehr. Wem nützt es dann? Worum geht es hier? Entwicklung und Wohlstand für wen? Profit - für wen? Und was können wir tun, die wir davor stehen und das Gefühl haben, dass das nicht gut ist.

Da ist Hilflosigkeit. Und da ist Wut im Bauch. Und da ist Mitgefühl mit denen, die unter den direkten Auswirkungen des Baus leiden. Und da ist dieser Satz im Evangelium: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ (Mk 10,38).

Zufällig bin ich dann über die heutige Ausgabe des Newsletters gestolpert, den Richard Rohr täglich verschickt. Er beginnt eine neue Reihe zum Thema „Gewaltlosigkeit". Was er schreibt, passt sehr gut zu meinem Foto und zu meinem Gefühl im Bauch:

"Die Wurzel der Gewalt ist die Illusion der Trennung von Gott, vom Selbst sein, vom 'mit jedem und allem sein'. Wenn Du nicht weißt, wie du bewusst aus deinem Einssein mit der Liebe heraus leben kannst, flüchtest Du in Gewalt und bekämpfst die Leute, die nicht so sind wie Du. Kontemplative Praxis lehrt Dich, nicht so sehr auf die Unterschiede zu achten, sondern zurückzukehren zu dem, was Du über Deine Nationalität, Hautfarbe, Dein Geschlecht oder andere Etiketten hinaus bist. Sie bringt Dich zurück zu Deinem Wahren Selbst, das Du in Gott bist.

Wenn Du klein genug, nackt genug und ehrlich genug werden kannst, dann wirst Du ironischer Weise herausfinden, dass Du mehr als genug bist. Das ist die Weisheit des Evangeliums und es ist sicher der franziskanische Schwerpunkt. An diesem Ort der Armut und des Friedens musst Du nichts beweisen und nichts verteidigen. Alles gehört zusammen. Das schneidet Gewalt in ihrer tiefsten Wurzel ab, bevor da überhaupt eine Grundlage für Angst, Ärger, Verteidigung, Rache oder Selbstbehauptung wäre - jene Dinge, die oft Gewalt verursachen.

Ein Grund, warum ich das Zentrum für Aktion und Kontemplation vor 28 Jahren gegründet habe, war, dass ich Aktivisten ein wenig spirituelle Erdung geben wollte, so dass sie weiter für soziale Veränderung arbeiten konnten, aber in einer Haltung, die ganz anders ist als Ärger, Ideologie oder eine Willenskraft, die Druck ausübt auf entgegengesetzte Willenskraft. Viele Aktivisten, die ich kennen gelernt habe, liebten die Lehren Gandhis oder von Martin Luther King Jr. über Gewaltlosigkeit. Aber mir wurde klar, dass sie mehr ein intellektuelles Verständnis hatten als eine Mitwirkung an jenem viel tieferen Geheimnis. Ich sah Leute auf der linken Seite, die das Opfer spielten und Opfer schufen - genau das, was Jesus nicht tat. Es war viel subtiler als das gleiche Spiel auf der rechten Seite, aber es rührte immer noch von einem grausamen und selbstgerechten Herzen.

Um friedliche Veränderung zu schaffen, müssen wir zuerst das ‚Wer' klar kriegen. Wer bist Du? Die meisten von uns, insbesondere pragmatische Amerikaner, sind geleitet von strategischen Fragen - was, wie, wann. Dies sind zweitrangige Fragen. Bevor wir agieren oder reagieren, müssen wir warten. Warten auf Kommunion. Warten, bis wir zurückverbunden sind mit dem Grund es Seins. Warten, bis wir bewusst sind. Warten, bis ein ‚Ja' erscheint.

Handle nicht aus dem Unbewussten heraus. Beginne nicht mit einem ‚Nein', denn das ist das eingeengte und selbstbezogene Du. Wenn Du anfängst, indem Du Dich mit Deiner inneren Erfahrung von Kommunion verbindest, können Deine Aktionen echt, eindeutig und entschieden sein. Diese Art von Aktion, verwurzelt im eigenen Wahren Selbst, kommt von einem tieferen Wissen davon, was real ist, was gut ist, wahr und schön, jenseits von Etiketten und dualistischen Urteilen über Richtig und Falsch. Von diesem Ort aus, ist Deine Energie positiv und hat das größte Potential, um Veränderung zum Guten zu schaffen. Diese durchgehende Haltung ist genau das, was wir meinen, wenn wir sagen ‚im Gebet sein', und es ist der Grund, warum wir immer beten müssen, um sie aufrecht zu erhalten.

Ich sage nicht, dass Du nicht handeln sollst. Das Evangelium will Dir einen Weg anbieten, Dein Handeln nachhaltig und langfristig zu machen. Leute auf der rechten Seite tendieren dazu, langfristig wütend zu sein und sich übermäßig zu verteidigen. Und Leute auf der linken Seite tendieren dazu, langfristig zynisch und aufgebracht zu sein. Das Evangelium versucht, ein feineres Werkzeug hervorzubringen, das wirklich unterscheiden kann, weil es insgesamt ein neuer Grad von Bewusstsein ist. Die Aktivisten, die selbst ‚eine neue Schöpfung' (Gal 6,15b) sind, sind die Blitzableiter von Gottes verändernder Energie in die Welt hinein. Stell Dir Papst Franziskus vor in seiner Reihe von Reden vor dem Kongress, der UN, dem Klerus und den Massen im September, bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten. Er hat im wahrsten Sinne des Wortes Wunder vollbracht!"

QUELLE

 

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