„Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich gefallen gefunden“ (Markus 1,11). Dieser Satz steht im Mittelpunkt der Abschnitte aus der heiligen Schrift heute. Die Taufe Jesu, die heute gefeiert wird, ist kein exklusives Ereignis. Jesus reiht sich ein unter die vielen, die sich von Johannes in der Wüste taufen lassen.

Jesus ist für Christen DER Mensch und DAS Bild des Menschen. Daher gilt die Zusage "Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter“ jedem Menschen. Die Würde jedes Menschen gründet in dieser Zusage Gottes und diese Würde liegt somit auch nicht im Verfügungsbereich von Menschen oder Gesellschaften.

Infiziert von totalitärem, ideologischem Denken, das in Wahrheit keinen Gott und keine Menschenwürde kennt, sind nicht nur Islamisten. Es sind die Fundamentalisten in allen Religionen, die Populisten und Demagogen in jeder Gesellschaft, die Schwarz-Weiß-Denker, die sich nach einfachen Lösungen sehnen, und auch die Zyniker, die den einzigen Sinn darin sehen, jeden Sinn zu leugnen.

Ich kannte die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ bis vergangene Woche nicht und ich kenne auch ihre Karrikaturen nicht. Aber „Ich bin Charlie“, weil die Menschen dort ermordet wurden im Namen einer Ideologie, in der kein Platz ist für Satire. Und ich möchte in keiner Welt leben, in der man hinterrücks erschossen wird, weil man Witze gemacht hat. Religion und Gesellschaft müssen das aushalten können - institutionell, intellektuell und spirituell.

Ich fand dazu folgenden Abschnitt aus dem Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco, mit dem ich die Ereignisse vergangene Woche kommentieren möchte. Der Kontext: Der Franziskaner William von Baskerville versucht 1327 in einer berühmten norditalienischen Benediktinerabtei eine Reihe von Mordfällen aufzuklären. Der alte blinde Mönch Jorge von Burgos entpuppt sich als Motor der Taten. Er versuchte ein Buch, das Zweite Buch der Poetik des Aristoteles, versteckt zu halten, weil er fürchtet, das dort beschriebene Lachen könnte die göttliche Ordnung in Gefahr bringen. Am Ende kommt es zum Showdown zwischen den beiden Kontrahenten:

"Du bist der Teufel", sagte William.
Jorge schien nicht recht zu begreifen. Wäre er sehend gewesen, ich hätte gesagt: Er sah sein Gegenüber fassungslos an. „Ich?“, fragte er.
„Ja, du! Man hat dich belogen, der Teufel ist nicht der Fürst der Materie, der Teufel ist die Anmaßung des Geistes, der Glaube ohne ein Lächeln, die Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfasst wird. Der Teufel ist schwarz und finster, denn er weiß, wohin er geht, und er geht immer dahin zurück, woher er gekommen ist. Du bist der Teufel, du lebst wie der Teufel im Finstern. Wenn du mich überzeugen wolltest, so ist dir das nicht gelungen. Ich hasse dich, Jorge von Burgos, und wenn ich könnte, würde ich dich hinunterführen und über den Hof treiben, nackt ausgezogen, ein paar Hühnerfedern im Hintern und das Gesicht bemalt wie ein Narr und Hanswurst, damit alle im Kloster über dich lachen und keine Angst mehr haben. Ja, es würde mir Spaß machen, dich mit Honig und Pech zu bestreichen und dann in Hühnerfedern zu wälzen, dich an der Leine über die Märkte zu führen und laut zu rufen: Seht her, ihr Leute, dieser verkündete euch die Wahrheit und sagte, die Wahrheit schmecke nach Tod, und es waren nicht seine Worte, an die ihr geglaubt, sondern sein finsteres Wesen. Nun aber sage ich euch: Im Taumel der Möglichkeiten erlaubt uns Gott auch die Vorstellung einer Welt, in der die vermeintlichen Künder der Wahrheit nichts anderes sind als alberne Gimpel, die bloß immerzu wiederholen, was sie vor langer Zeit einmal gelernt haben."
„Du bist noch schlimmer als der Teufel, Minorit!“ erwiderte Jorge. „Du bist ein Gaukler, genau wie der Heilige, der euch Mindere Brüder hervorgebracht hat. Du bist genauso wie dein Franziskus, der de toto corpore fecerat linguam [aus dem ganzen Leib eine Zunge machte], der beim Predigen hüpfte und gestikulierte wie ein Komödiant auf dem Jahrmarkt, der den Geizigen in Verwirrung brachte, indem er ihm Goldmünzen in die Hand legte, der die Andacht der Schwestern herabsetzte, indem er das Miserere sang, statt zu predigen, der auf französisch bettelte, der mit einem Stöckchen die Armbewegungen eines Geigenspielers nachahmte, der sich als Vagabund verkleidete, um die gefräßigen Brüder zu verwirren, der sich nackt in den Schnee warf, der mit den Tieren und Pflanzen sprach, der sogar das Mysterienspiel der Geburt Christi in einen Bauernschwank verwandelte und das Lamm Bethlehems anrief, indem er blökte wie ein Schaf … Wirklich eine prächtige Schule! …"
„So lehrte Franziskus das Volk, die Dinge von einer anderen Seite zu sehen."
„Aber wir haben euch diszipliniert. Du hast sie gestern erlebt, deine lieben Mitbrüder: Sie sind längst wieder in unsere Reihen zurückgekehrt, sie reden nicht mehr wie die einfachen Leute. Die einfachen Leute dürfen nicht reden. Dieses Buch [über das Lachen] hätte den Gedanken rechtfertigen können, die Sprache der einfachen Leute sei Trägerin einer Wahrheit. Das musste verhindert werden, und das habe ich getan. Du sagst, ich sei der Teufel. Du irrst: Ich bin die Hand Gottes gewesen."
„Die Hand Gottes verhüllt nicht, sie schafft."
„Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Gott hat gewollt, dass auf bestimmten Büchern geschrieben steht: Hic sunt leones."
„Gott hat auch die Ungeheuer geschaffen. Auch dich. Und er will, dass über alles gesprochen wird."

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