Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen,
bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist Du ja genommen.
Denn Staub bist du. Zum Staub musst du zurück.
(Gen 3,19)

Alles ist vergänglich. Und das Leben ist tödlich. Das ist die Botschaft des Aschermittwoch. Und die Asche ist das Symbol dafür: Sie ist das, was Bruder Feuer zurücklässt. Ein Symbol für das Leben: Es ist warm und hell. Aber es ist auch gefährlich, verletzend und es endet immer mit dem Tod. Wie geht das zusammen? Wie kann das Leben gut zu uns sein und dann frisst es uns auf? Wie diesen Widerspruch überwinden? Und gibt es einen Weg zurück ins Leben?

Der Aschermittwoch enthält eine Anspielung auf den zweiten Schöpfungsbericht, die Erzählung von Adam und Eva und dem Sündenfall mit der anschließenden Vertreibung aus dem Paradiesgarten Eden. Die christliche Lesart läuft meist auf eine Erbsündenlehre hinaus: Adam und Eva haben durch ihren Ungehorsam Sünde und Tod in die Welt gebracht. Und Jesus ist dann der, der durch das Kreuz Sünde und Tod überwindet.

Ich habe solch einer Erbsünden-Erlösungs-Vorstellung allerdings noch nie recht getraut: Warum steht nirgendwo im Text geschrieben, dass Adam und Eva "unsterblich" waren? Adam heißt übersetzt "Erdling" - deutet also nicht schon der Name des Menschen auf seine ihm (und der ganzen Schöpfung) eingeborene Vergänglichkeit hin? Und wo steht überhaupt, dass Adam und Eva nicht gearbeitet haben im "Paradies"? War nicht ihre Aufgabe, den Garten zu "bebauen" und zu "hüten" (Gen 2,15)? Und wenn Gott doch ankündigt, sie würden "sterben", wenn sie von den verbotenen Früchten essen - warum leben sie dann weiter? Warum nennt Adam seine Frau Eva (Gen 3,20), was "Leben" heißt, wenn sie doch angeblich den Tod gebracht hat? Warum macht Gott ihnen ganz zärtlich Fellröcke (Gen 3,21)? Warum nennt Eva ihren ersten Sohn Kain, was soviel heißt wie: Empfangen habe ich vom Herrn (Gen 4,1), wenn Gott und Mensch angeblich so zerstritten sind?

Könnte es nicht sein, dass uns die Geschichte von Adam und Eva viel mehr unsere Augen öffnen will (vgl. Gen 3,7) für die Wirklichkeit des Lebens? Ist es nicht das, was der vermeintliche Sündenfall eigentlich ist: Eine Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit? Wir werden sterben - und das Leben ist hart! Ist es nicht diese Erkenntnis, die uns Menschen zu Menschen macht? Dann wären Arbeit, Schmerzen und der Tod - die vermeintlichen Strafen (Gen 3,16-19) -, also eigentlich eher Symptome einer schmerzhaften Bewusstseinserweiterung?

Warum ist in der Geschichte von Adam und Eva überhaupt nicht von Sünde die Rede, sondern erst bei Kain und Abel (Gen 4,7)? Hat es bei Adam und Eva also gar keinen Sündenfall gegeben, sondern eher einen Unfall, der zu dem allgemeinen kreativen Schöpfungschaos (Gen 2,19-20) passt? Ein Unfall, der uns überhaupt erst in einen Dialog mit Gott bringt, der uns zuruft "Mensch, wo bist Du?" (Gen 3,9) - und auf den wir antworten können oder auch nicht?

Ist Sünde dann also, wenn wir versuchen, uns selbst von unserem Lebensschmerz zu erlösen, so wie Kain (Gen 4,4-8) - ein Lebensschmerz der dort wurzelt, wo wir mehr auf unsere eigenen Leistungen (Opfer!) bauen, als auf die unberechenbare Gnade Gottes, der uns aber doch letztlich mit genau dem versorgt, was wir benötigen (Fellröcke etc.)? Wenn Sünde in der Wurzel so etwas wie Selbsterlösungssucht ist, waren Adam und Eva dann überhaupt Sünder? Sie haben Gott doch geantwortet und sind offen und ehrlich in den Dialog eingetreten?

Ich habe es irgendwann, irgendwo einmal gehört und auch schon mal irgendwo aufgeschrieben und ich werde es auch wieder und wieder schreiben:  Eigentlich müsste es am Aschermittwoch heißen ...

"Bedenke Staub, dass Du Mensch bist!"

... denn geht es wirklich darum, dass ein "neuer Adam" die Vergänglichkeit überwindet? Geht es überhaupt darum, irgendetwas zu überwinden? Ist der Sinn des Fastens wirklich, ein Opfer zu bringen? Oder geht es nicht vielmehr darum, in Beziehung zu treten: in echte, aufrichtige, unverstellte Beziehung - mit Gott, mit Menschen, mit der ganzen Schöpfung? Einer Schöpfung, in der es nicht um Konkurrenz geht, sondern in der alle aufeinander angewiesen sind und ein Individuum vom anderen lebt - und könnte es nicht sein, dass genau das die Botschaft des Aschermittwoch ist: Es geht gar nicht um die Frage, was die Schöpfung für mich ist oder sein kann, sondern es geht um die Frage, was ich zur Schöpfung und damit zum Leben beitragen kann? Solange Glut in der Asche ist ...

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