Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
(Matthäus 22,36)

Manche Christen denken, das jüdische Gesetz sei nicht mehr gültig. Aber Jesus sagt ja klar, er sei nicht gekommen, um das Gesetz abzuschaffen, sondern um es zu erfüllen (Matthäus 5,17). Das jüdische Gesetz gilt also immer noch.

Aus dieser Haltung antwortet Jesus auch im Evangelium von diesem Sonntag auf die Frage eines jüdischen Gelehrten, welches Gebot denn das wichtigste sei. Die Antwort: Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten. „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten“ (Matthäus 22,40).

Ich bin gerade im Heiligen Land unterwegs und so bekommt dieses Evangelium eine besondere Bedeutung, denn die orthodoxen Juden hier sehen es als ihre Pflicht an, die Gebote und Vorschriften des Gesetzes einzuhalten. Das Gesetz ist ihre Bestimmung und die Erfüllung der Gebote und Vorschriften ist das Ziel und der Sinn ihrer Existenz. Der jüdische Gelehrte Franz Rosenzweig hat das einmal so ausgedrückt:

... der jüdische Mensch erfüllt die unendlichen Bräuche und Vorschriften 'zur Einigung des heiligen Gottes und seiner Schechina (Anwesenheit/Gegenwart)'. ... Jede seiner Taten, jede Erfüllung eines Gesetzes vollbringt ein Stück dieser Einigung. Gottes Einheit bekennen - der Jude nennt es: Gott einigen. Denn diese Einheit, sie ist indem sie wird, sie ist Werden zur Einheit. Und dies Werden ist auf die Seele und in die Hände des Menschen gelegt. Der jüdische Mensch und das jüdische Gesetz - zwischen beiden spielt sich da nicht weniger ab als der gott-, welt- und menschumfassende Vorgang der Erlösung.
(Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung)

Es war schon immer Teil der jüdischen Überlieferung, dass eines Tages alle Völker „auf den Pfaden“ des Gottes Israels unterwegs sein werden (Jesaja 2,3). Jesus ist quasi selbst zur Tür geworden, die uns Eintritt verschafft zu diesen Pfaden und das heißt in den Bund mit Gott.

Es ist also auch die Aufgabe von Christen, Gott zu einigen, wie es Rosenzweig ausdrückt. Mit den beiden zentralen Geboten, weist Jesus dafür einen Weg der Kontemplation (Gottesliebe) und der Aktion (Nächstenliebe).

P.S.: Das Foto entstand in der Josef Karo Synagoge in Safed.

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