Kann Jesus zornig sein? Er kann. Das zeigt das Evangelium von diesem Sonntag. Erlauben wir uns, zornig zu sein? „Ich wünsche mir aggressive Menschen“, sagt Pierre Stutz und spricht damit jene an, die ihre Wut, ihren Zorn, ihren Ärger unterdrücken, vielleicht weil sie glauben, dass aggressives Verhalten nicht frommt. Das Problem ist aber nicht der Zorn selbst, sondern wie wir unser aggressives Potenzial fruchtbar machen können.

In der märchenhaften Legende von der Zähmung des Wolfes (Fior 21) befreit Franziskus die Stadt Gubbio und alle ihre Bewohner. Im Wald hauste ein »ungeheuer großer, schrecklicher und wilder Wolf, der nicht nur Tiere verschlang, sondern auch Menschen«. Niemand wagte mehr, die Stadt zu verlassen. Das archetypische Motiv eines Schattens, der so groß und mächtig wird, dass er am Leben hindert.

Franziskus geht hinaus, um den Wolf zu suchen. Das ist mutig. Und es ist ein aggressiver Akt. Das ist in Vergessenheit geraten. Haben wir wirklich geglaubt, so ein Wolf ließe sich von süßlicher Demut beeindrucken? Als der Wolf ihn angreifen will »mit offenem Rachen«, da spricht er ihn direkt an: »Komm her da, Bruder Wolf!« Franziskus weist den Wolf zurecht, aber erkennt auch seine Bedürfnisse an.

Die Geschichte ist ein Sinnbild für den Umgang mit Aggression. Der Wolf ist der Archetyp des aggressiven Schattens. Im Schatten verbirgt sich ein Bedürfnis, eine tiefe Sehnsucht, ein Potenzial, das – aus irgendeinem Grund verschüttet – nun immer wieder aus dem Verborgenen mit zerstörerischer Gewalt hervorbricht. Die Geschichte lehrt: Der Wolf will gewürdigt werden.

Die Bewohner in der Geschichte versprechen, den Wolf zu füttern, so dass er nicht mehr Hunger leiden muss. Er verspricht, niemanden mehr anzugreifen. So versöhnt Franziskus den Wolf und die Bürger. Franziskus ist der, »der mit dem Wolf tanzt«. Er, der einmal Ritter werden wollte, lehrt uns, dass ein wahrer Krieger nicht mit roher Gewalt vorgeht. Was den Krieger auszeichnet, sind sein Mut, seine Zielstrebigkeit und die Bereitschaft, für die Sache alles einzusetzen, was er hat.

Es ist wie in der Geschichte vom Samurai und dem Mönch. Der stolze Samurai-Krieger fragte den Mönch, ob er denn nicht wisse, dass er ihn mit seinem Schwert, ohne mit der Wimper zu zucken, durchbohren könne, wenn er das wollte. Da fragte der Mönch, ob denn der Samurai nicht wisse, dass er das, ohne mit der Wimper zu zucken, zulassen könne. Der Mönch ist der wahre Krieger in dieser kleinen Episode.

Mit dem Mut, dem Schatten nicht auszuweichen, kann Raum geschaffen werden für Frieden und Versöhnung. So macht es auch Jesus. Sein Zorn führt ihn nicht in die fruchtlose Auseinandersetzung mit den Pharisäern um die Frage, wer Recht hat. Sein Zorn führt ihn nicht in die Verbitterung. Er folgt selbstbewusst-demütig seiner tiefen Überzeugung, auch wenn er damit das eigene Leben auf’s Spiel setzt. Er kämpft nicht gegen die Wirklichkeit, er tanzt mit den Möglichkeiten (Potenzial) und tut das Notwendige (Gemeinschaft und Heilung). Herr, lehre uns, den Wolf in uns zu zähmen, und dann lehre uns, zornig zu sein! Die Welt braucht aggressive Menschen!

»Er sah sie an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz.«
(Markus 3,5)
9. Sonntag im Jahreskreis B

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