Jesus war ein Mystiker und „er heilte viele“ (Mk 1,34). Die heutige Sehnsucht nach Mystik und Heilung zielt auf Gipfelerlebnisse. Da ist die Vorstellung eines Zustandes, in dem Schmerz und Leid enden und nur noch Ruhe, Friede und Glück herrschen. Aber dort lauert ein Missverständnis.

Der jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem sagt: »Es gibt nicht Mystik an sich, sondern Mystik von etwas, Mystik einer bestimmten religiösen Form: Mystik des Christentums, Mystik des Islams, Mystik des Judentums und dergleichen«. Für Scholem ist sie an ein »bestimmtes Stadium des religiösen Bewusstseins gebunden«.

Im ersten Stadium ist die Welt selbst göttlich. Es bedarf keiner Mystik, weil alles als mit allem verbunden erlebt wird. Gefäß und Füllung sind quasi eins.

Diesem ersten, kindlichen Stadium folgt ein zweites, in dem das Bewusstsein der Polarität durchbricht: das Profane im Unterschied zum Heiligen. Hier der Mensch, dort Gott. Hier ich, dort die anderen. In diesem Stadium entsteht überhaupt erst das, was wir Religion nennen. Denn ohne Trennung bedürfte es keiner religio, einer Wiederverbindung, Heilung, Erlösung.

Die Mystik kommt erst dann. Sie ist ein drittes Stadium und »sie sieht den großen Abgrund, ja sie nimmt überhaupt ihren Ausgang von dessen Erfahrung«, sagt Gershom Scholem. »Sie sucht im vollen Bewusstsein dieser Kluft ein Geheimnis und einen Weg, der sie schließt«.

Die Mystik sieht das Verbindende, ohne das Trennende zu übersehen. Alles ist vereint in der Verschiedenheit. Wie auch immer dieses Verbindende genannt werden mag – das Sein, die Weltenseele etc. –, für Christen ist es der lebendige Gott.

Diese mystische Erfahrung, bringt also keine Sorglosigkeit oder Selbstvergessenheit. Sie ist vielmehr das Ende der Sorglosigkeit und der Beginn der Selbsterkenntnis. Diese mystische Erfahrung und diese Art von Heilung ist der Anfang eines Weges, der Beginn des Abenteuers.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018.
Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in Hauptströmungen, Frankfurt a. M. 1980.: 6 und 8f.

5. Sonntag im Jahreskreis B
„Er heilte viele“ (Mk 1,34)

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