„Wir sehen uns Samstag“, hieß es am Gründonnerstag. Denn Karfreitag „komme ich nicht“. Da ist es, das Karfreitagsgefühl: "Oh nee, nicht schon wieder Karfreitag!“ Und ist das was anderes als: „Oh nee, nicht schon wieder Flüchtlinge/Anschläge/Katastrophen“? …  Fernseher ausgemacht. Haustür abgeschlossen. Karfreitag ausgesperrt … ausgespart.
 
Ich will gar nicht moralisch werden und mit Steinen werfen. Ich sitze selbst im Glashaus. Karfreitag gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsfeiertagen.  Ehrlich gesagt: Das fände ich vielleicht auch noch seltsamer, als die oben beschriebene Reaktion.
 
Dabei gibt es Karfreitagsgefühle auch im Alltag: Oh nee, jetzt aufstehen …  Oh nee, Stau! … Oh nee, der schon wieder … Oh nee … oh nee … Es ließen sich unzählige banale Kleinigkeiten aufzählen, die das Karfreitagsgefühl auslösen. Und ob große oder kleine Auslöser: Sich ablenken, weglaufen, lieber jetzt was essen … sprich: fliehen oder sich totstellen ... heißt, Karfreitag auszuperren. Und das geht ja so noch, weil es niemandem weh tut. Es gibt aber auch eine dritte Reaktion auf das Karfreitagsgefühl: Zorn. Angriff.
 
Die Ablehnung, die Häme, die Wut, der Hass gegen Flüchtlinge und Ausländer generell, die Pauschalverurteilung von Muslimen nach den Terroranschlägen der vergangenen Monate, die Protestwahlergebnisse in den letzten Landtagswahlen, auch in all dem sehe ich so eine Reaktion auf das Karfreitagsgefühl: Was mir Angst macht, muss weg.
 
Gewalt ist allerdings keine Lösung. Das ist ja vielleicht sogar die Kernbotschaft der Kar- und Ostertage: "Weil Gott nicht der große Zampano ist, der vom Himmel aus die Dinge regelt, sondern sich in so einem Fall dazugesellt: mitleidet, mitfriert, mitstirbt.“, wie Antje Schrupp in der ZEIT schreibt. Oder wie die Lesung am Karfreitag es ausdrückt:
Wir haben ja nicht einen Hohenpriester,
der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche,
sondern einen, der in allem wie wir
in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.
Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade,
damit wir Erbarmen und Gnade finden
und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.
(Hebr 4,15-16)
Deshalb ist es doch gut, dass es Karfreitag (noch?) gibt. Es ist die Einladung, das Hinschauen anzufangen. Einzuüben. Auch im Alltag. Bei den (vermeintlichen) Kleinigkeiten ebenso wie bei den großen Katastrophen. Gott ist da, Gott fühlt mit: In unserem Unglück, in unserem Wunsch zu fliehen, in unserer Verzweiflung, in unserer Wut, in unserer Ohnmacht. Und aus Hinschauen kann wirkliche Hinwendung werden (Gewalt ist ja auch eine Form der Flucht). Gott hat nur unsere Hände, hat doch mal jemand gesagt.
 
P.S.: Das Bild zeigt ein Drahtgitter-Kreuz aus der Berliner Mauer. Sah ich kürzlich bei den Franziskanern in Berlin-Pankow.

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