Als Zeugen der künftigen Güter und aufgrund der von ihnen angenommenen Berufung sind sie zur Erlangung der Lauterkeit des Herzens verpflichtet. Dadurch werden sie frei für die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.
(Regel des OFS 2,12)

Ich stolpere über diesen Absatz in der Regel des OFS. Schon wieder.
Ich stolpere, weil da für mich etwas Unangenehmes mitschwingt. Ein mögliches Missverständnis. Die Gefahr, sein wahres Ich hinter einer frommen Fassade zu verbergen und nur den abgeschnürten Rest zu zeigen. Vielleicht etwas in Büchern angelesenes oder auch eine besonders herausgestellte Gesetzestreue. Das Ergebnis wäre eine Art aufgesetzte Reinheit. Das kann nicht gemeint sein, denn das widerspräche dem Evangelium:

Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll von Knochen, Schmutz und Verwesung.
(Mt 23,27)

... sagt Jesus zu den Pharisäern, die alles richtig machen, aber das Wesentliche verfehlen. Was ist dann aber gemeint mit "Lauterkeit des Herzens"? Und wohin mit den Knochen, dem Schmutz und der Verwesung?

Es wird Zeit, die Gräber zu öffnen und in einen Ort der Würde und der Trauer zu verwandeln. Was finde ich in meinem Grab? - Angst? Depression? Wut? Was es auch ist: Es führt mich in mein Innerstes, an den Ort meiner Sehnsucht, an dem Gott selbst als Ursprung zu finden sein könnte. Denn was sonst verbirgt sich hinter Angst, Depression, Wut etc., wenn es nicht eine Sehnsucht nach Leben ist?

Ist es nicht das, was Jesus in der Wüste gesucht hat, als er 40 Tage fastete (Mt 4,1-11; Lk 4,1-13 )? Das "Grab" öffnen, ins Innerste gehen und sich mit den eigenen (Sehn)Süchten auseinandersetzen? Aus Steinen Brot machen = die (Sehn)Sucht nach Sicherheit, nach Rundum-Versorgtsein. Sich vom Tempel herabstürzen = die (Sehn)Sucht nach Kontrolle, nach einem 100%igen Liebesbeweis. Die ganze Welt beherrschen = die (Sehn)Sucht nach Status und Ansehen.

Jesus findet hindurch zu Gott als Ursprung wahren Lebens: DU, der du alle selbst ernannten Herren und Herrscher dieser Welt weit übertriffst; DU, der du dich nicht kontrollieren lässt; DU, dessen Wort Leben stiftet:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. (Mt 4,4; Dtn 8,3)
Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. (Mt 4,7; Dtn 6,16)
Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. (Mt 4,10; Dtn 5,9;6,13)

Hieße dann also, die Lauterkeit des Herzens zu gewinnen, durch die eigenen Süchte und Sehnsüchte hindurch zu Gott durchzudringen, statt ein "perfektes" Leben zu führen? Hieße es nicht auch, "das Himmlische" (Ermahnungen 16) nicht oben zu suchen, sondern unten, tief drin, im Innern - was auf dasselbe herauskäme, denn wo ist der Himmel und wo ist Gott?

Warum denke ich bei dem Wort "Lauterkeit" vor allem an "brav sein"? Vielleicht, weil die allermeisten Menschen in meinem Leben und vielleicht unsere ganze Gesellschaft und am Ende ich selbst genau das von mir erwartet haben und erwarten und mich selten jemand ermutigt - weder Eltern, noch Geschwister, kein Pfarrer, kein Politiker, kein Vorgesetzter -, aus der "Lauterkeit des Herzens" heraus Widerstand zu leisten: Partizipation statt Konformismus; Gehorsam (auch Achtsamkeit) statt Hörigkeit; Liebe statt Diplomatie?

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