Die Geschichte ist ziemlich bekannt: Da kommt ein reicher Jüngling zu Jesus und fragt den „guten Meister“ (Mk 10,17), was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Jesus fordert ihn auf, seinen Besitz zu verkaufen, an die Armen zu verteilen und ihm nachzufolgen. Der Jüngling zieht traurig davon, weil er ein großes Vermögen hat.

Zuallererst fällt auf: Nirgendwo ist da im Text wirklich von einem Jüngling die Rede. Im Gegenteil. In der Lukas-Version ist sogar genau beschrieben, wer da kommt: Ein Vorsteher, also ein Amts- und Würdenträger. Einer, der es schon weit gebracht hat. Offenbar ist der „Jüngling“ da über die Jahrhunderte irgendwie hineininterpretiert worden.

Der Amtsträger bei Lukas wirkt bei genauer Betrachtung recht hochnäsig und ist am Ende gar nicht betrübt, sondern ziemlich sauer - so steht es jedenfalls im griechischen Text, auch wenn alle mir bekannten Übersetzungen da drüber hinweggehen. Es ist das gleiche „sauer“ wie in der Geschichte von Kain und Abel, als Kain nicht ertragen kann, dass Abel besser bei Gott ankommt. Eine narzisstische Kränkung, würden wir heute sagen. Und wir wissen, was dann passiert ist.

Die Szene stellt sich also so dar: Der Mensch, der da kommt, ist - in jedem Fall - ziemlich überzeugt von sich selbst. Der reiche Streber bei Markus genauso wie der reiche Amtsträger bei Lukas, der Jesus offenbar mit seiner Frage intellektuell herausfordern will. Und Jesus trifft - in jedem Fall - einen wunden Punkt: Im Reich Gottes ist kein Platz für reiche Streber. Schon gar nicht für Erfolg-Reiche.

Die Aufforderung, auf materiellen Reichtum zu verzichten, ist also vielleicht gar nicht das wesentliche Ziel der Geschichte, denn auch so ein Verzicht könnte schließlich selbst wieder zu einer asketischen Übung werden, die das eigene Ego nährt, wie schon der Hl. Franz gewarnt hat:

Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.
Viele gibt es, die in Gebeten und Gottesdiensten eifrig sind
und ihrem Leib viele Entsagungen und Abtötungen auferlegen,
die sich aber über ein einziges Wort,
das ihrem lieben Ich Unrecht zu tun scheint,
oder über eine Kleinigkeit, die man ihnen wegnimmt,
sofort dermaßen aufregen, als wäre es ein Skandal.
Diese sind nicht arm im Geiste ...
(Ermahnungen 14)

Das Ziel Jesu ist wohl eher, alles in Gottes Hände zu legen. Der Gott, für den „alles möglich“ (Mk 10,27) ist und dessen Gnade genügt, weil sie "ihre Kraft in der Schwachheit“ (2 Kor 12,9) erweist. Das Reich Gottes ist nicht Vollkommenheit. Wir kommen zu Gott durch unsere Unvollkommenheit, weil sie wahrhaftig und echt ist.

Tatsächlich können wir das ja auch - vor allem jetzt im Herbst - überall um uns herum sehen: Nichts ist vollkommen, und trotzdem wunderschön. Ich habe mich heute Nachmittag in der Herbstsonne bei der Obsternte im Garten noch selbst davon überzeugen können. Das ist das Reich Gottes: Nicht perfekt. Echt!

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