Ich sah, wie unter der Tempelschwelle Wasser hervorströmte ...
Dieses Wasser fließt ... in das Meer mit dem salzigen Wasser.
So wird das salzige Wasser gesund ...
wohin der Fluss kommt,
dort bleibt alles am Leben.
An beiden Ufern des Flusses
wachsen alle Arten von Obstbäumen ...
Jeden Monat tragen sie frische Früchte;
denn das Wasser des Flusses
kommt aus dem Heiligtum.
Die Früchte werden als Speise
und die Blätter als Heilmittel dienen
(Ezechiel 47,1.8.9.12)

Wenn Papst Franziskus sich „eine arme Kirche für die Armen“ wünscht, dann bringt er damit zum Ausdruck, dass Kirche kein Selbstzweck ist. Leider gehört es zu den Schattenseiten jeder Religion und wohl auch jeder Institution, dass sie Gefahr läuft, das zu vergessen und nur noch dem Selbsterhalt zu dienen.

Es lässt sich leicht feststellen, wann sich so eine Selbstbezogenheit einstellt: Das Leben verschwindet, die Frische, die Fruchtbarkeit. Alles wird trocken, zäh, salzig. Das symbolisiert das Bild vom Toten Meer, das der Prophet Ezechiel verwendet: Da ist ein Meer aus salzigem Wasser. Es ist bizarr, auch faszinierend, aber leblos. Sogar tödlich.

Gleiches gilt für Menschen. Paulus sagt: „Gottes Tempel ist heilig, und der der seid ihr“ (1Kor 3,17). Es gibt Menschen, von denen geht ein Strom des Lebens aus und andere, die absorbieren Lebenskraft, sind „Quellen ohne Wasser“ (2Petr 2,17). Und vielleicht gibt es auch viele Zwischenstufen. Entscheidend ist, "belebend“ zu wirken (und einander zu beleben!), wie Rabbi Nachman sagt:

Es gibt Menschen, die leiden furchtbare Not
und können nicht erzählen, was in ihrem Herzen ist,
und sie gehen einher, voll der Not.
Kommt ihnen da einer entgegen mit lachendem Angesicht,
er vermag sie zu beleben mit seiner Freude.
Und das ist kein geringes Ding: einen Menschen beleben.
(Buber, Die Geschichten des Rabbi Nachman, Frankfurt 1955, S.41)

Die Tempelquelle bei Ezechiel verströmt ganz offensichtlich belebendes Wasser: "Wasser des Lebens“ (Offb 7,17). Die Früchte der Obstbäume sind „Speise“, die Blätter sind „Heilmittel“. Speisung und Heilung, das sind Grundbedürfnisse und wir wissen ja auch, dass es eigentlich genau darauf ankommt: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; … ich war krank, und ihr habt mich besucht …“ (Mt 25,35f.).

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