»Ich brauche Kirche nicht«, habe ich kürzlich von einem Bekannten gehört – und nicht zum ersten Mal und nicht nur von ihm. Es war keine triumphale Aussage. Sie war recht nüchtern. Und im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass mehrere unangenehme Erfahrungen mit offiziellen Kirchenvertretern dazu geführt hatten, sich von der Institution abzuwenden. Ich ahne, dass es wahrscheinlich eher heißen müsste: Ich WILL mit Kirche nichts mehr zu tun haben, denn ich möchte nicht von oben herab behandelt und in meiner Würde verletzt werden.

Die »Schafe, die keinen Hirten haben« (Markus 6,34), die wollen also vielleicht vorsichtshalber gar keine Hirten. Wer braucht auch Hirten, die bevormunden und alle Entscheidungen für einen treffen wollen. Und jene (Schafe), die genau das suchen, haben wohl eher ein charakterliches Problem. Niemand kann wollen, als »dummes Schaf« behandelt zu werden. Als folgsame Masse. Und Hirten wiederum, die solche dummen Schafe um sich sammeln, müssen damit leben, dass die anderen Schafe einen großen Bogen um sie machen.

Ich frage mich: Was lehrte Jesus die Menschen, die ihm an den einsamen Ort gefolgt waren und für die er Mitgefühl empfand, weil sie »keinen Hirten hatten«? Wir erfahren es nicht, stattdessen kommt im weiteren Verlauf die Geschichte von der Speisung der Fünftausend. Als es nämlich Abend wird, machen sich die Jünger Gedanken, wie sie die vielen Menschen mit Essen versorgen sollen. Da ihnen nichts einfällt, wollen sie sie wegschicken.

Die Jünger agieren aus einer Versorgungsmentalität heraus, die scheitern muss. Ich glaube, dass paradoxerweise gerade diese Haltung des Versorgens bei Kirchenvertretern heute zu den Problemen in der Seelsorge geführt hat und letztlich auch zu der Ablehnung, die z.B. mein Bekannter zum Ausdruck bringt. Es ist nicht möglich, alle zu versorgen. Es muss einen anderen Weg geben.

Woher nimmt Jesus die Zuversicht, dass alle satt werden, wenn es doch nur so wenig Ressourcen gibt? Ich glaube, das Geheimnis liegt in der Gemeinschaft. Jesus vertraut auf jeden und jede einzelne in der Menge. Er hat das ganze vorhandene Potenzial im Blick. Ich glaube nicht, dass das Wunder der großen Speisung quasi übernatürlich vom Himmel fällt. Nein, Jesus und die Jünger geben ihren Vorrat. Aber ich stelle mir vor, wie alle es ihnen gleich tun und ihre Gaben einbringen.

Was wir brauchen, sind Hirten, die uns in diese Art der Selbstverantwortung führen. Wer lehrt uns, unsere individuelle Gabe zu unterscheiden und einzubringen? Wer bringt uns dahin, unser Potenzial zu entfalten? Wer sind die Menschen, die die Gemeinschaft halten und uns lehren, ein Teil zu sein? Wer lehrt uns, gemeinsam zu gehen, so dass die eine Wahrheit die andere nicht unbedingt auslöscht, sondern alle einander als Suchende respektieren? Wo sind die Seelsorger, die uns lehren, dass wir Kirche SIND?

Ich glaube, das betrifft überhaupt nicht nur Kirche, sondern unsere ganze westliche Kultur und alle Orte, wo Menschen zusammen kommen. Auch in der Politik und in der Kultur braucht es solche Menschen. Wir brauchen wahre Autoritäten, die uns solche Dinge sagen, wie sie Nelson Mandela 1994 bei seinem Amtsantritt sagte, ja, was wäre gewesen, wenn mein Bekannter (in der Kirche) solche Hirten erlebt hätte:

»Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind,
unsere tiefste Angst ist,
dass wir unermesslich machtvoll sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten,
nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: »Wer bin ich eigentlich,
dass ich leuchtend, begnadet, phantastisch sein darf?«
Wer bist Du denn, es nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Wenn Du Dich klein machst,
dient das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,
wenn Du schrumpfst,
damit andere um Dich herum
sich nicht verunsichert fühlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit
Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen von uns,
sie ist in jedem Menschen.
Und wenn wir unser eigenes Licht
erstrahlen lassen,
geben wir unbewusst anderen Menschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Wenn wir uns von unserer eigenen
Angst befreit haben,
wird unsere Gegenwart,
ohne unser Zutun, andere befreien.«

Nelson Mandela nach Marianne Williamson
aus seiner Antrittsrede 1994

»Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.«
Markus 6,34
16. Sonntag im Jahreskreis B

2 Kommentare

  1. Hedi Blech-Vidulic

    Ja, das ist schön. Ich danke Ihnen! Es erinnert mich an die Waldorf-Schulen, in denen man sich in dieser Weise um die Erziehung der Kinder kümmert. Und auch an Eugen Drewermann, der uns mit seinen wunderbaren Reden und Büchern bereichert und beglückt.

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  2. Carsten

    Danke für diesen schönen Beitrag. Das Potential eines jeden Einzelnen zu erkennen, wertzuschätzen, vielleicht auch zur Geburt zu verhelfen und das Selbe bezogen auf die ganze Gemeinschaft zu betrachten, dessen Potential mehr als die Summe der Einzelnen sein kann, ist eine hoffnungsvolle Erkenntnis.
    Als Frage bleibt, wie wir diese Zuversicht in die Lebenspraxis bringen können.
    Nochmal Danke für Dein Engagement mit dieser Homepage, die vielleicht ein erster Schritt sein kann.
    Liebe Grüße
    Carsten

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