Jesus war als geistlicher Lehrer und Heiler ein Experte für Schattenarbeit. Seine religiösen und philosophischen Gegenspieler, die Pharisäer, stellen heute schlichtweg den Inbegriff des Schattens dar. Ihnen warf er vor, Heuchler zu sein: »Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung« (Mt 23,27). Jesus hatte wenig übrig für die, »die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten«. Das Gespräch mit Nikodemus handelt genau davon.

Es ist vielleicht die größte Versuchung einer Religion, die Welt in Gut und Böse zu teilen und sich selbst natürlich auf der guten Seite einzuordnen. Eine derartige Spiritualität appelliert immer an das Ego und spaltet den negativen Teil der Wirklichkeit ab. Der Weg Jesu ist jenseits davon ein Weg radikal nicht-exklusiver Haltung. Diese Haltung schließt nichts aus, noch nicht einmal das Negative.

Unser Ego liebt es, etwas zu tun, um „besser“ zu sein. Das ist oft leichter, als die eigenen Schattenseiten anzuerkennen, den eigenen Schmerz, die eigene Schuld, die eigene Ohnmacht, das eigene unterdrückte Potenzial usw. „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht“, sagt Jesus. Und das bedeutet, ein wenig durchlässig zu werden für die ganze Wirklichkeit: Nobody is perfect. oder wie Leonard Cohen einst sang: „There’s a crack in everything. That’s where the light gets in.“ – In allem ist ein Bruch. Da kommt das Licht hindurch. Und dort erwartet uns Gott, nicht um uns zu richten, sondern um uns in die Arme zu schließen.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018.

Vierter Fastensonntag B
„Das Licht kam in die Welt“ (Joh 3,19)

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