Sehen

von | Montag, 25. Mai 2015

Was ist eigentlich Pfingsten? Die Frage habe ich in den letzten Tagen öfter gehört. Und diese Antworten habe ich gehört: Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Aber beantwortet das die Frage? Und wirft das nicht neue Fragen auf: Was soll das sein, der Heilige Geist? Welche Erfahrung steckt dahinter und wie kann ich die machen? Und wo merke ich das in Kirche?

Vielleicht führt die Darstellung der Apostelgeschichte (Apg 2,1-11) von den Feuerzungen, die vom Himmel fallen und sich auf den Aposteln niederlassen, zu Missverständnissen über mystische Höhenflüge oder himmlische Rauschzustände oder so etwas. Das ist nicht Pfingsten.

Pfingsten bahnt sich schon an mit der Himmelfahrt Jesu: Die Apostelgeschichte erzählt, wie Jesus als Auferstandener den Jüngern den Heiligen Geist ankündigt und dann auf einer Wolke in den Himmel auffährt. Und dann kommt die Frage an die zurückbleibenden Jünger: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apg 1,11).

Pfingsten wird hier unten stattfinden. Pfingsten hat etwas mit Sehen zu tun. Mit Hinschauen. Nicht Hochschauen oder Wegschauen.

Bei uns im Garten blühen Rosen. Objektiv betrachtet ist eine Rose nicht mehr als eine Pflanze, ein Haufen Molkeüle. Aber das ist nicht der Grund, warum wir den Menschen, die wir lieben, Rosen schenken. Rosen sind mehr als „nur“ eine Blume. Sie sind ein Symbol der Schönheit und der Liebe. Und was uns das sehen lässt, ist der Heilige Geist.

Pfingsten heißt, die ganze Wirklichkeit anzuschauen. Und alle Dinge „ganz“ zu sehen. Das gilt auch für unschöne Dinge.

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium (20,19-23), der jedes Jahr zu Pfingsten gelesen wird, erzählt, wie die Jünger sich nach dem Tod Jesu ängstlich einschließen, wie der Auferstandene in ihre Mitte kommt, seine Wunden zeigt und die Jünger anhaucht: „Empfangt den Heiligen Geist!“

Das „Hauchen“ erinnert an den Schöpfungshauch Gottes (Gen 2,7), der dem Menschen den Lebensatem einbläst. Und da ist auch vom Geist die Rede, hebräisch Ruach, wörtlich: die Geistin, die in der Finsternis über der Urflut schwebt, auf einer Erde, die „wüst und leer“ ist (Gen 1,2).

Pfingsten ist das Fest der Kreativität: Das Sehen des Möglichen und des Neuen, das aus der Finsternis einer Krise erwachsen kann.

Pfingsten braucht gar kein großes Brausen, sondern ist eher ein stilles, aber radikales sich auf die Wahrheit einlassen: die Wahrheit des Lebens mit seiner Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Verwundbarkeit. Wer die Wunden anschaut und den Heiligen Geist empfängt, kann mehr sehen als nur Scheitern, Katastrophe und Sinnlosigkeit.

In dieser Perspektive bekommt die Aussage Jesu im Evangelium von heute erst eine Bedeutung für uns hier und jetzt: „Selig sind, deren Augen sehen, was ihr seht“ (Lk 10,23). Wer geistlich lebt, der sieht mit anderen Augen. Wer geistlich lebt, sucht nicht Perfektion, sondern Lebendigkeit. Wer geistlich lebt, für den ist das Glas immer halb voll, nie halb leer.

Eine pfingstliche und vom Geist erfüllte Kirche ist eine, in deren Mitte Platz ist für die ganze Wahrheit. Eine Gemeinschaft, die alles vom Leben Verwundete, und alles Gescheiterte nicht unter den Teppich kehrt, sondern bereit ist, darin die zerbrechliche und vergängliche Schönheit und das Geheimnis wahrer Lebendigkeit zu entdecken.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ÜBER SEELENPFADE

Das "Reisetagebuch" der Lebensschule für alle, die sich auf den franziskanischen Weg wagen. Innere Höhen und Tiefen wollen durchwandert werden. Alte Geschichten erscheinen und begleiten uns. Die ganze Schöpfung wird zum Spiegel für die Seele. Die Reise führt immer ins Hier und jetzt: Nicht Pessimisten, nicht Optimisten, nein, den Possiblisten gehört die Zukunft, weil sie in der Gegenwart das Mögliche sehen und das Notwendige tun.

ARCHIV

Pin It on Pinterest