Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers,
damit ich verstehe, die Müden zu stärken
durch ein aufmunterndes Wort.
Jeden Morgen weckt er mein Ohr,
damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.
Gott, der Herr hat mir das Ohr geöffnet.
Ich aber wehrte mich nicht
und wich nicht zurück.
Ich hielt meinen Rücken denen hin,
die mich schlugen,
und denen,
die mir den Bart ausrissen, meine Wangen.
Mein Gesicht verbarg ich nicht
vor Schmähungen und Speichel.
(Jes 50,4-6)

Warum muss der Gerechte leiden? Diese Frage steht über den kommenden Tagen. Ich habe immer Schwierigkeiten gehabt mit dem "für uns" einer Opfertheologie, die mich und uns alle per se zur Ursache für das furchtbare Leiden Jesu macht. Vor einigen Jahren hätte mich daher das kleine Büchlein mit dem Titel "Über die Selbstanklage", das einen Text von Papst Franziskus enthält, den er schon 2005 als Kardinal von Buenos Aires veröffentlicht hat, wahrscheinlich völlig ratlos zurückgelassen. Was da drin steht ist starker Tobak.

Die "Meditation über das Gewissen" basiert auf einem Text von Dorotheus von Gaza. Dessen These ist, dass die Selbstanklage die wichtigste asketische Übung sei:

Ein Mensch könnte wirklich tausend asketische Übungen vollbringen, aber wenn er sich diesen Weg nicht zu eigen macht, wird er nicht aufhören, zu betrüben und betrübt zu werden und seine Mühen preiszugeben. Welche Freude, welche Ruhe aber hat nicht derjenige, der sich, wohin er auch geht, selbst anklagt …
(Dorotheus von Gaza, Über die Selbstanklage, 81)

Mit Selbstanklage ist gemeint, in jeder erdenklichen Situation, auch angesichts der größten nur denkbaren Ungerechtigkeit, die einem widerfahren mag, sich selbst die Schuld zu geben. Sich auch nie beklagen oder beschweren, sondern die Dinge auf Gott schieben: "Wenn Gott gewollt hätte, dass es nach meiner Nase geht, dann hätte er dafür gesorgt". Das erinnert mich an das "Diktat von der wahren Freude" des Hlg. Franz von Assisi und die 14. Ermahnung:

Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Viele gibt es, die in Gebeten und Gottesdiensten eifrig sind und ihrem Leib viele Entsagungen und Abtönungen auferlegen, die sich aber über ein einziges Wort, das ihrem lieben Ich Unrecht zu tun scheint, oder über eine Kleinigkeit, die man ihnen wegnimmt, sofort dermaßen aufregen, als wäre es ein Skandal. Diese sind nicht arm im Geiste, denn wer wirklich arm im Geiste ist, hasst sich selbst und liebt jene, die ihn auf die Wange schlagen.
(Franziskus von Assisi, Ermahnungen, 14)

Mir gefällt, was Papst Franziskus in seinem Kommentar schreibt. Er macht deutlich, dass die Selbstanklage kein Selbstzweck ist. Gott erwartet nicht, dass wir uns erniedrigen und für schlecht halten oder so etwas. Die Selbstanklage ist ein Mittel, eine Technik, eine Methode, die Einheit und Gemeinschaft fördert, also ungefähr das, was in der Apostelgeschichte gemeint ist, wenn es heißt, die Gemeinde sei "ein Herz und eine Seele" gewesen (Apg 4,32). Selbstanklage hat also nach Papst Franziskus nichts mit "falscher Bescheidenheit" zu tun, denn das wäre "kindisch oder kleinmütig".

In Wirklichkeit setzt die Selbstanklage Mut voraus, und diesen Mut besitzen nur wenige. Es ist der Mut, Türen zu öffnen, meine unbekannten Seiten zutage treten und die anderen mehr sehen zu lassen als bloß mein äußeres Erscheinungsbild. Der Mut, die ungeschminkte Wahrheit offenzulegen.
(Papst Franziskus, Jorge Mario Bergoglio, Über die Selbstanklage, 40)

Es geht also um das, wonach sich im Grunde jede Seele sehnt: Gemeinschaft, Angenommensein, Barmherzigkeit. Die Tür dorthin ist die Selbstanklage, so paradox das klingen mag - aber wer es einmal durchdenkt und durchmeditiert, sieht ein, dass das sich beklagen (= Anklagen der anderen) nie zu wahrer Gemeinschaft führt, sondern im Grunde zu mehr "Misstrauen und Argwohn".

Angesichts des leidenden Gottesknechtes wird die Selbstanklage zur "göttlichen" Methode: Wenn jeder sein Kreuz (der Selbstanklage) auf sich nimmt und es wagt, diese unsichtbare Tür zu öffnen, dann kann Einheit entstehen. Das ist die Verheißung. Und dann ist Jesus nicht "für uns" gestorben, sondern eben - wie gesagt - "mit uns", weil er den Weg der Selbstanklage schon vorausgegangen ist.

Ein Symbol dafür ist dieses Foto von den vielen Kreuzen. Ich habe das Bild vor einigen Jahren im Wohnzimmer eines Bekannten in Peru gemacht. Ich fand sie einfach beeindruckend. Heute weiß ich, dass diese Wand uns sagt: Es gibt nicht nur das eine Kreuz, vor dem wir alle stehen. Die Gemeinschaft der Christen ist die Gemeinschaft derer, die ihr jeweils eigenes Kreuz auf sich nehmen, und jedes Kreuz ist anders. In dieser Gemeinschaft der Gekreuzigten zeigt sich auf erstaunliche Weise die Macht Gottes, der sich erniedrigt und dadurch über alle erhöht ist (Phil 2,6-11).

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