Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist;
du erntest, wo du nicht gesät hast,
und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;
weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt.
Hier hast du es wieder.
(Matthäus 25,24-25)

Gestern unterhielt ich mich mit einer Frau aus der Gemeinde. Sie sei ein spiritueller Mensch, sagt sie. Sie habe Kontakt zu (ihren) Engeln. Aber die Bibel? Das sei ihr zu ernst. Und Franz von Assisi? Zu katholisch-kirchlich. Sie glaube an Jesus und an Gott, sagt sie. Wozu brauche sie die Bibel, fragt sie. Sie habe ihren eigenen Glauben. Und ich fürchte, das Evangelium von diesem Sonntag wird das nicht ändern. Im Gegenteil.

Was Matthäus da erzählt, klingt nämlich nicht wirklich sympathisch: Am Ende der Zeiten kommt Gott wieder, um abzurechnen. Drei Diener treten auf. Jedem ist ein Gut anvertraut. Die ersten beiden waren fleißig und werden belohnt. Der dritte war untätig. Er hätte die anvertrauten Güter wenigstens auf der „Bank“ mit „Zinsen“ anlegen können. Er kommt in die Hölle.

Im Reich Gottes geht’s bei Matthäus also zu wie im Kapitalismus. Wer hat, dem wird gegeben. Und wer nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er zu haben meint. Das ist ja eigentlich eine treffliche Beschreibung dessen, was Tausende jeden Tag erleben, die nicht von der globalisierten Welt profitieren, sondern ihre Opfer sind, oder? Wo ist da die frohe Botschaft?

Vermutlich wollte Jesus ursprünglich nicht sagen, dass das Himmelreich SO ist, sondern dass es eben gerade so NICHT ist und nicht sein darf, und dass wir Christen damit rechnen müssen, dass jeder Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch (Du erntest, wo du nicht gesät hast!) gefährlich werden kann. Wer das nachprüfen will, kann sich die gleiche Geschichte ja bei Lukas durchlesen (Lukas 19,11-27).

Und was will Matthäus also sagen? Er will seine Hörer ja offenbar motivieren, sich zu engagieren und etwas aus dem zu machen, was ihnen anvertraut ist. Deshalb geht es bei ihm genau genommen auch nicht kapitalistisch zu, sondern eher ein bisschen kommunistisch: Alle bekommen am Ende nämlich dasselbe, die „Freude des Herrn“, unabhängig davon, wie viel sie mit den anvertrauten Gütern erwirtschaftet haben.

Außerdem ist Matthäus ein jüdischer Christ gewesen. Nach rabbinischem Recht galt das Eingraben von Dingen als eine sichere Aufbewahrungsart. Genau das tut der dritte Diener bei Matthäus (anders als bspw. das Einwickeln in Tücher, so wie es in der Lukas-Version steht!). Sprich: Der „faule“ Diener ist eigentlich gar nicht faul? Sondern sehr besorgt um das ihm anvertraute Gut?

Scheinbar ist der dritte Knecht bei Matthäus sehr „konservativ“ im wahrsten Sinne des Wortes. Er bringt das anvertraute Gut in Sicherheit, weil er „Angst“ hat, aber vielleicht gar nicht vor Gott, sondern Angst davor, das Gut zu verlieren?! Er verbirgt es jedenfalls vor der Außenwelt. Er verhindert so die Vermehrung und in dem Sinne ist sein Handeln unfruchtbar. Wo Kirche sich auf diese Weise verhält, ist es kein Wunder, wenn Leute sich abwenden und nicht nur das Weite, sondern auch DIE Weite suchen. Die Freiheit.

Deshalb bin ich der Frau dankbar für das Gespräch und die Kritik, auch wenn mir das natürlich ein bisschen weh tut: „Ja, sehr schöne Homepage, aber Franz von Assisi und die Bibel, da fehlt mir die Leichtigkeit“. Ich frage mich, wie wir zusammen kommen können. Denn es geht ja nicht darum, den eigenen Schatz aufzugeben. Und mein Schatz ist unter anderem die Bibel, ist auch die (franziskanisch-klarianische) Tradition, in der ich zu Hause bin. Entscheidend ist hoffentlich am Ende die Bereitschaft, diesen Schatz zu teilen und nicht für sich zu behalten.

Ich wünsche allen ängstlichen Konservativen, dass sie die Angst überwinden und ihre Schätze teilen - auch auf die Gefahr hin, sie zu verlieren. Matthäus sagt im Grunde: Nur so geht ihr ein in die Freude des Herrn! Und ich wünsche mir, dass wir Mittel und Wege finden, so von Gott zu sprechen (und zu singen, zu tanzen, zu dichten?), dass er nicht als finsterer Buchhalter erscheint, der am Ende unsere Leistungen abrechnet, sondern als ein Gott, der das Leben und die Liebe selbst ist und sich ausbreiten und verschenken und alles beleben will.

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