Draußen hat es geschneit. Der Schnee dämpft den Lärm, der sonst die Welt erfüllt. Alles schläft. Alles ist wie in sich gekehrt.

Diese Bewegung nach innen ist Teil eines natürlichen Kreislaufs, den jeder Mensch jeden Tag erlebt: Wir haben eine Zeit des Wachens und Schaffens. Und wir haben eine Zeit des Schlafens und Träumens.

In unseren Breiten erleben wir diesen Kreislauf auch (noch) sehr deutlich in den Jahreszeiten. Auf den Winter wird das große Erwachen des Frühlings und dann der Sommer folgen.

Und vielleicht ist auch der Tod nichts anderes als ein langer Schlaf, auf den ein Erwachen folgt. Niemand weiß das.

Was wir wissen ist, dass dieser Kreislauf ein Spiegel für die Seele sein kann. In unserem inneren Leben gehört zur Aktion auch die Kontemplation.

Kontemplatives Gebet ist nichts anderes, als ein Sich-in-sich-kehren. Eine Praxis des Loslassens ganz im Sinne der „inneren Armut“, von der Meister Eckhart spricht:

Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat … denn, findet Gott den Menschen so arm, so wirkt Gott sein eigenes Werk und der Mensch erleidet Gott so in sich, und Gott ist eine eigene Stätte seiner Werke angesichts der Tatsache, dass Gott einer ist, der in sich selbst wirkt. Allhier, in dieser Armut, erlangt der Mensch das ewige Sein wieder, das er gewesen ist und das er jetzt ist und das er ewig bleiben wird.
(Meister Eckhart, Predigten, 52)

Nichts anderes wollen die heutigen Abschnitte aus der Heiligen Schrift ausdrücken, wenn sie die Menschwerdung Gottes meditieren, die Fleischwerdung des Wortes, von der Johannes (Joh 1,14) spricht.

Es ist das Bild eines kosmischen Christus, das hier gemalt wird: Der Christus, in dem alles vereint ist, „was im Himmel und auf Erden ist“ (Eph 1,10). Das Endlich-Zeitliche ist die Wohnung des Unzeitlich-Ewigen. Die Schöpfung ist die Wohnung Gottes.

Gott hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
durch die Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor Gott.
Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,
seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus ...
(Eph 1,3-5)

„Heiligkeit“ und „Untadeligkeit“ sind bei Paulus nichts, das wir selbst erwirken können. Es geht nicht um Leistung, nicht um erarbeitete „Fehllosigkeit“ oder gar „Reinheit“. Nichts zu wollen, nichts zu wissen und nichts zu haben umfasst auch die eigene Heiligkeit, sagt Meister Eckhart:

Diesen Sinn verstehen manche Leute nicht richtig; es sind jene Leute, die in Bußübung und äußerlicher Übung, was diese Leute für groß erachten, an ihrem selbstischen Ich festhalten. Erbarm’s Gott, dass solche Leute so wenig von der göttlichen Wahrheit erkennen! Diese Menschen heißen heilig auf Grund des äußeren Anscheins; aber von innen sind sie Esel, denn sie erfassen nicht den genauen eigentlichen Sinn göttlicher Wahrheit.
(Meister Eckhart, Predigten, 52)

Der Kern so einer Inkarnationsspiritualität ist nicht die äußere Anbetung Christi mit Formeln und Worten, sondern eine innere Anbetung, der es um nichts anderes geht, als dem eigenen Dasein in Fleisch und Blut auf den Grund zu gehen.

Kontemplation ist "nichts wollen, nichts wissen, nichts haben". Sein. Einssein. Das ist, was wir von der Stille des Winters lernen können: Sich in sich kehren und dem Sein beim Sein zuschauen. Von Richard Rohr stammt ein wunderschönes Mantra, das zugleich eine Anleitung zum kontemplativen Gebet ist:

Sei still und erkenne, dass ich Gott bin.
Sei still und erkenne, dass ich bin.
Sei still und erkenne.
Sei still.
Sei.

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