40 Tage verbrachte Jesus in der Wüste. Das erzählen alle Evangelien und der erste Fastensonntag ist immer mit dieser Geschichte verbunden. Dieses Jahr gibt der Evangelist Markus den Ton an mit einem faszinierend knappen Sätzchen, das die Zeit in der Wüste auf das Wesentliche reduziert:

Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.
(Markus 1,13)

Das Foto von Thomas Lieser illustriert diesen geheimnisvollen Satz wunderbar. Da erscheinen die Umrisse eines Greifvogels. Aus dem Dunkel. Bedrohlich. Ein wildes Tier. Und zugleich ist der Greif, meist der Adler, in der Mythologie immer ein Repräsentant des Göttlichen. Ein Bote, Angelos, Engel!

Die Fastenzeit steht im Jahreskreis symbolisch für einen der Übergänge, den auch der Lebenskreis mit sich bringt. Da gibt es zunächst die Geburt, die Pubertät und den Tod. Diese drei laufen ohne unser Zutun ab, ganz natürlich und trotzdem mitunter schmerzhaft, verbunden jedenfalls mit Unsicherheit und Angst. Aber auch verbunden mit der Erfahrung, dass es doch weiter geht. Zumindest können wir, die wir noch vor dem letzten Übergang stehen, das rückblickend für Geburt und Pubertät sagen.

Die Fastenzeit steht symbolisch für einen Übergang zwischen Pubertät und Tod, der im Lebenskreis allerdings ein wenig in Vergessenheit geraten ist und allenfalls noch mehr oder weniger ernsthaft als „midlife-crisis“ bezeichnet wird: Der Übergang in ein reifes Erwachsensein. Da geht es darum, Gewissheit über die eigene Person und Persönlichkeit, den eigenen Platz und die eigene Berufung zu finden. Die Frage ist auch hier (wie bei der Geburt oder in der Pubertät): Was muss sterben, was muss ich zurücklassen, damit ich wieder leben kann?

So gesehen erinnert die Fastenzeit an diese Initiation, diese Einweihung ins Erwachsensein, also die Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und auch für andere (und nicht in Wahrheit nur für sich selbst) zu sorgen (Familie, Gesellschaft, die Welt).

Die Einladung ist, sich wie Jesus vom "Geist … in die Wüste“ (Mk 1,12) treiben zu lassen. Der Anlass können Ereignisse sein, über die wir im Leben „stolpern“. Veränderungen, Krisen, Konflikte etc. Wir können diese Ereignisse bekämpfen und versuchen, sie unter Kontrolle zu bringen. Wir können sie einfach ignorieren. Wir können auch fliehen. All das würde aber bedeuten, in irgendeiner Form über sie hinwegzugehen und sich nicht mit ihnen auseinanderzusetzen, statt ihnen zu folgen und sich (ent)führen zu lassen, auch wenn die Angst groß ist.

Die Einladung ist dann, sich „vom Satan in Versuchung“ (Mk 1,13) führen zu lassen, und das heißt, sich mit dem eigenen Schatten auseinanderzusetzen. Das bedeutet, in die eigenen Abgründe zu schauen und mit den Stimmen ins Gespräch zu kommen, die uns immerzu beherrschen wollen („das kannst du nicht“, „du musst dich anstrengen“, „du musst immer gewinnen“ … usw.) und uns vielleicht abhalten, den eigenen Weg zu finden und diesem Weg zu trauen.

Und die Einladung ist, bei den „wilden Tieren“ (Mk 1,13) zu leben. Zu erkennen, dass sie - als Symbol für unser Geschaffensein und unsere Natur - nicht eine Bedrohung sind, sondern unsere Verwandten und unsere Heimat. Wir dürfen uns mit dieser Natur verbinden, so wie Jesus es getan hat. Dann werden uns „Engel dienen“ (Mk 1,13). Das ist die Verheißung. Und daran erinnert die Fastenzeit.

„Wie sollen wir fasten?“, wurde ich kürzlich gefragt und die Frage meinte „Worauf sollen wir dieses Jahr verzichten?". Mir gefällt der Gedanke, auch einmal auf das Verzichten zu verzichten, wenn dahinter doch nur diese Stimme steht, die sagt: „Wenn Du auf dies oder das verzichtest, bist Du brav und ok“. Die Gefahr besteht, es „wie die Heuchler“ zu machen, die ihre „Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau stellen“ (Mt 6,1), so jedenfalls die Warnung am Aschermittwoch.

Mir gefällt die Aktion der Evangelischen Kirche: „Sieben Wochen ohne Runtermachen" unter dem Titel „Du bist schön“. Dabei geht es nicht darum, sich per Autosuggestion etwas einzureden. Das klappt sowieso nicht. Es geht darum, sich mit den Stimmen auseinanderzusetzen, die für viele genau so lauten: Du bist hässlich, Du genügst nicht, Du musst besser werden … und es kann verdammt schwer sein, sich so anzunehmen, wie man ist. Das gehört aber ganz wesentlich zu einem reifen Erwachsensein und ist der Nährboden für die Erfahrung der Auferstehung.

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