Er rief den Mann, der das leinene Gewand anhatte und an dessen Gürtel das Schreibzeug hing. Der Herr sagte zu ihm: Geh mitten durch die Stadt Jerusalem und schreib ein T auf die Stirn aller, die über die in der Stadt begangenen Gräueltaten seufzen und stöhnen.
(Ezechiel 9,3-4)

Das T(au) ist das franziskanische Erkennungszeichen. Mit diesem Zeichen unterschrieb Franz von Assisi seine Briefe und malte es überall an die Wände, so wie auf dem Bild, das ich in Fonte Colombo fotografiert habe, wo noch heute ein rotes T in einer Fensternische erhalten ist, das der Heilige Franz selbst dort hingemalt haben soll.

Papst Innozenz III. sprach bei der Eröffnung des Dritten Laterankonzils 1215 vom T als einem Zeichen der Buße und bezog sich damit wahrscheinlich auf den oben zitierten Propheten Ezechiel. Alle, die also mit dem T gekennzeichnet werden, überleben die Zerstörung der Stadt. Und was zeichnet diese "Gerechten" aus?

Ist es nicht interessant, dass die Gerechten offenbar gar keine besonderen Heldentaten vollbracht oder sich sonstige Verdienste erworben haben? Im Gegenteil: Es sind die, die über das Unrecht seufzen und die leiden. Reicht es also schon, diesen Schmerz zuzulassen, um gerettet zu werden? Und sonst muss man nichts tun? Nicht kämpfen, niemanden retten, keine großen Pläne machen? Sollte ausgerechnet an dem Punkt, wo wir einfach leiden und diesen Schmerz ertragen, der Weg unserer Rettung liegen?

Traditionell wird das Bild von Ezechiel in Verbindung gebracht mit einer Stelle in der Offenbarung des Johannes:

Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde.
Sie hielten die vier Winde der Erde fest,
damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte,
noch gegen irgendeinen Baum
Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen;
er hatte das Siegel des lebendigen Gottes
und rief den vier Engeln ... mit lauter Stimme zu:
Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu,
bis wir den Knechten unseres Gottes
das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.
(Offb 7,1-3)

Da klingt das Motiv vom leidenden Gottesknecht an, der im Alten Testament das Volk Israel symbolisiert und mit dem Jesus als Christus identifiziert wird. Wenn man die Offenbarung nicht als eine Vorhersage einer fernen Zukunft versteht, sondern davon ausgeht, dass es um das Jetzt und Hier geht - wie bei Lukas: "Das Reich Gottes ist schon mitten unter Euch!" (Lk 17,21) -, ist dann nicht jeder und jede Einzelne gerufen, ein Gottesknecht zu sein, ganz nach dem Motto: Nicht (nur) Christus anbeten, sondern Christus sein (Richard Rohr)?

Das griechische T geht zurück auf das hebräische "taw", den zweiundzwanzigsten und letzten Buchstabe des Alphabets, der an sich nichts weiter bedeutet als "Zeichen". Die Gerechten werden also mit einem "Zeichen" bezeichnet. Was, wenn man das als inneres Bild der Seele versteht? Was ist also mein persönliches T, mein Zeichen der Erlösung? Wer bin ich an dem Punkt, an dem ich gelitten habe? Wenn ich einer von denen (geworden) bin, "die aus der großen Bedrängnis kommen", die "ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht" haben?

Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden, und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
(Offb 7,16-17)

Wer könnte mehr und besseres für die Welt tun, als jene, die ihrem Seelenpfad dorthin gefolgt sind, wo es heißt: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,19-20)?

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