„Sie sind nicht von der Welt“, sagt Jesus im Evangelium von heute über seine Jünger (Joh 17,16). Und: „Wie du mich gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt“ (Joh 17,18).

Manche Christen sehen sich selbst aufgrund dieser „Sendung“ als etwas Besseres. Die mangelhafte Welt bedarf noch der Bekehrung und wir wissen, wie es geht. Das wirkt nicht nur weltfremd, es hat auch einen unangenehmen Beigeschmack.

In der alten Kapuzinerkirche in Bingen hängt dieses Altarbild. Es zeigt Jesus in einer U-Bahn. Er wirkt da auch ein bisschen weltfremd, aber kein bisschen missionarisch-elitär. Gott hat seinen Sohn eben nicht als Besserwisser und Moralapostel gesandt, sondern um den Menschen „ewiges Leben“ zu schenken (Joh 17,2).

Und ewiges Leben, erklärt Johannes, bedeutet: Gott erkennen (Joh 17,3). Erkennen im biblischen Sinn. Das hat nicht zuerst mit Wissen zu tun, sondern mit Beziehung. Zum Beispiel: Adam „erkennt“ Eva, sagt die Bibel, wenn sie ausdrücken will, dass die beiden sich lieben und Kinder haben.

Jesus ist der Christus, der Gesalbte, „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) und zugleich das Bild des vollkommenen Menschen. Gotteserkenntnis geschieht nicht im Himmel oder an sonst irgendeinem fernen Ort. Sie geschieht hier und jetzt.

Der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung
gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt.
Mit Menschenhänden hat er gearbeitet,
mit menschlichem Geist gedacht,
mit einem menschlichen Willen hat er gehandelt,
mit einem menschlichen Herzen geliebt.
(II. Vaticanum, Gaudium et Spes 22)

So sollen Christen nicht die besseren Menschen sein, sondern Wanderer zwischen den Welten: Zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, dem Himmel und der Erde, dem Innen und Außen - um beide zu verbinden und die Welt „ganz“ zu sehen, indem sie die göttliche Spur im Menschen und in allem sehen, was da ist. Die ganze Schöpfung ist ein großes Sakrament, in dem Gott gegenwärtig ist und handelt.

„Heilig" und „weltlich“ sind durch Jesus Christus keine Gegensätze mehr. Und doch nicht das gleiche. Die Welt kann Gott nicht umfassen, sondern Gott umfasst die Welt. Diese Art von „Weltanschauung" ist ein Grundmerkmal der franziskanischen Spiritualität und schlägt sich auf besonders schöne Weise nieder in der Geschichte vom Bund des Heiligen Franziskus mit der Herrin Armut:

Einmal bestieg Franziskus mit seinen Brüdern einen hohen Berg.
Schon lange hatte Frau Armut da oben auf sie gewartet.
Als Franziskus mit seinen Brüdern endlich eintraf, war ihre Freude groß.
Sie umarmte jeden Bruder und hielt mit ihnen Mahl.
Sie redeten miteinander über Gott und die Welt,
und als sie mit dem Mahl zu Ende waren, versprachen sie sich gegenseitig ewige Treue.
Eines aber wollte Frau Armut genauer wissen:
‚Wo wohnt ihr?‘, fragte sie, „wo ist euer Kloster?"
Die Brüder aber wussten nicht einmal, was ein richtiges Kloster ist.
Die Brüder führten sie auf eine Anhöhe, zeigten ihr die ganze Welt, soweit man sehen konnte, und sprachen: ‚Das ist unser Kloster!‘
(vgl. Sacrum Commercium 63)

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