Ich begreife mein Handeln nicht:
Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse ...
... das Wollen ist bei mir vorhanden,
aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen.
Denn ich tue nicht das Gute, das ich will,
sondern das Böse, das ich nicht will.
(Röm 7,15.18-19)

Ist das Foto ein Euphemismus? Eine Verharmlosung der Sucht? Denn was sind schon ein paar Süßigkeiten gegen Alkohol, Tabletten und andere Substanzen.
Andererseits: Ist es nicht genau die Macht der Sucht, harmlos zu wirken und die ihr innewohnende todbringende Wirkung zu verschleiern?

Wer sich auf Seelenpfade begibt, wird seinen Süchten begegnen. Substanziellen Abhängigkeiten oder auch geistigen Süchten, z.B. der Habsucht, der Sucht nach Sicherheit, der Sucht nach Anerkennung, der Sucht nach Kontrolle etc. Und wer auf den Seelenpfaden weiter kommen will - das scheint Bestandteil jeder Religion zu sein und damit grundsätzlich eine Aufgabe des Lebens -, muss seine Süchte überwinden. Aber wie?

Es gibt dazu ein Buch mit dem Titel "Sehnsucht, Sucht und Gnade" (Gerald May, Claudius-Verlag 1993). Der Autor, ein amerikanischer Psychotherapeut, empfiehlt, in den Ausführungen des Paulus zur Sünde, zur Erlösung und zum Leben aus dem Geist (Röm 5,12-8,39) jeweils das Wort "Sünde" durch das Wort "Sucht" zu ersetzen. Der Text bleibt sperrig, aber er öffnet sich doch ein klein bisschen für das moderne Ohr, denn es ist das, was Paulus wortreich sagen will: Die Sucht (Sünde!) ist ein Schlüssel zur Gnade!

Es ist ein spirituelles Paradox: Gegen die Sucht ist kein Kraut gewachsen. Wir können auch aus uns heraus kaum etwas gegen sie unternehmen. Im Gegenteil: Je mehr wir versuchen, sie zu beherrschen, desto mehr beherrscht sie uns, sagt Gerald May. Er sagt schließlich: "Leben heißt süchtig sein. Leben und süchtig sein aber heißt, die Gnade nicht entbehren zu können."

Im Vorwort heißt es: "Die Gnade ist überall, und die Wunden sind immer heilige Wunden, wenn wir nur 'das Wort' sagen (Matthäus 8,8)." Und ist das nicht genau das, was Paulus in der heutigen Lesung meint, wenn er sagt:

Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin,
und sein gnädiges Handeln an mir, ist nicht ohne Wirkung geblieben.
(1 Kor 15,10)

Reicht es also schon, die eigenen Abhängigkeiten zu entdecken, statt sie mit aller Kraft zu bekämpfen? Was bewirkt die Erfahrung, die eigenen Süchte nicht beherrschen zu können? Was heißt es, Scheitern zu lernen? Was ist Gelassenheit?

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