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»Kümmere dich um deinen Körper. Es ist der einzige Ort, den du zum Leben hast.« Kaum jemand würde wohl bestreiten, was der US-amerikanische Motivationstrainer Jim Rohn hier sagt. Aber wer ist eigentlich dieses »Ich«, das da im Körper »wohnt«? Wer ist es, der da glaubt, einen Körper »zu haben« und ihn deshalb unter Umständen sogar als Gefängnis empfinden kann? Damit ist die Frage berührt, in welcher Beziehung Seele und Körper stehen. Das ist nicht nur ein umstrittenes Geheimnis unserer Existenz, von der Antwort hängt inzwischen nichts weniger als die Zukunft unseres Planeten ab.

Die Beziehung zwischen Geist und Materie

Auf die Idee, einen Körper zu »haben« und insofern irgendwie abgetrennt und unabhängig vom Körper zu sein, kann eigentlich nur kommen, wer das Ich gleichsetzt mit dem, was wir Bewusstsein nennen. C.G. Jung nannte diesen bewussten Teil unserer Persönlichkeit »Ego«. Das ist aber eben nur ein kleiner Bereich unseres großen Seelenozeans mit seinen unermesslichen Tiefen. Man kann sagen: 2% unserer Seele sind bewusst. 98% bilden das Unbewusste. Unser wahres Selbst ist also viel mehr als der kleine Ego-Teil. Wer sich nun vollständig mit dem Ego identifiziert, verliert nicht nur den Zugang zu den Tiefen der Seele, sondern im Grunde auch zu einer wahrhaftigen Körperlichkeit. C.G. Jung vermutete, dass es sich bei Psyche und Materie um dieselbe Wirklichkeit handelt, nur eben einmal von innen und einmal von außen betrachtet. Diese Annahme deckt sich zum einen mit den Erfahrungen, die wir bei initiatorischen Naturexerzitien wie der Quest/Visionssuche machen. Zum anderen ist diese Ansicht gar nicht so neu, wie es vielleicht scheinen mag.

Geist, Seele und Leben in jüdischer Perspektive

In der jüdischen Tradition fehlt überhaupt ein Wort für Seele. Es gibt dafür drei Begriffe, die die Erfahrung des Seelischen beschreiben: Die »Ruach« ist die Geistin, die vor der Schöpfung existiert (Gen 1,2) und zusammen mit der »Neshama«, dem »Hauch des Lebens«, alles lebendig macht (Gen 7,22). »Nefesch« schließlich bezeichnet das »Leben« und wird gleichgesetzt mit dem Blut eines Lebewesens (Gen 9,4; Dtn 12,23). Das ist der Grund, warum orthodoxe Juden kein Blut essen. Geist, Seele, Leben sind in der jüdisch-christlichen Tradition ursprünglich nur körperlich-materiell zu begreifen. Deshalb ist auch die Vorstellung einer Auferstehung in jüdischer Sicht entweder ganz körperlich oder gar nicht vorhanden. So werden bis heute jüdische Gräber nicht aufgelöst und es gibt keine schlimmere Schändung, als die Knochen der Toten durcheinanderzubringen.

Alles beginnt im Körper

Körper und Seele bilden eine Einheit und aus der Alltagserfahrung heraus wissen wir auch, dass immer alles im Körper beginnt. Wenn etwas Überraschendes geschieht, ein Unfall oder etwas anderes, das uns vielleicht erschreckt, dann reagiert unser Körper z.B. schon mit Adrenalin, bevor uns die Situation bewusst wird. Im Lebensrad symbolisiert der Süden diese körperliche und unmittelbar-instinktive Reaktion auf ein Ereignis. Wir sind immer zuerst und vor allem körperlich da. Und das bedeutet doch zugleich, dass wir immer auch zuerst seelisch da sind. Der größte Teil unseres lebendigen Selbst wurzelt – wie gesagt – im Unbewussten und erscheint uns zuweilen fremd und unheimlich. Und genauso ist es mit unserem Körper auch.

Psyche und Natur

C.G. Jung sagt: »Unsere Psyche ist ein Teil der Natur und ebenso unbegrenzt wie diese. Wir können also weder die Psyche noch die Natur definieren, sondern nur so gut es geht beschreiben, auf welche Weise wir sie erleben.« Beide, Natur und Psyche, bilden damit auf einer bestimmten Betrachtungsebene eine Einheit. Innen und Außen sind dann nicht mehr hundertprozentig voneinander abzugrenzen. Jung fand dafür den Begriff der Synchronizität, d.h. dass ein äußeres Ereignis sinnvoll mit einem inneren Ereignis zusammen trifft. Wenn wir auf Visionssuche gehen, erleben wir genau das ständig, weil wir in Bereiche unserer Existenz vordringen, die jenseits des Bewusstseins liegen und unser Ego übersteigen. Die Natur außen ist dann ein großer Spiegel unserer »inneren Natur«. Das, was wir körperlich erfahren, steht in unmittelbarer Verbindung mit dem, was wir seelisch erleben.

Wenn Innen und Außen eine Einheit bilden

Einmal ging eine Frau hinaus in die Natur, die innerlich damit haderte, ständig ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und zu übergehen. Sie war immer nur für andere da. Das machte sie in Wahrheit traurig, wütend und verbittert. Auf der Suche nach ihrem »inneren Kind«, stieß sie auf ein ängstliches, aber auch mürrisches kleines Mädchen, das im Keller saß – ein Symbol für die Tiefen der Seele, in die die Frau ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche verbannt hatte. Als sie nun einmal in der Natur saß mit all diesen Erkenntnissen, die ihr in den Tagen der Vorbereitung auf ihre Auszeit zu Bewusstsein gekommen waren, bemerkte sie, wie sich eine kleine Eidechse neben ihr niederließ. Die Frau war überrascht und freute sich darüber und spürte, dass das Erscheinen der Eidechse etwas mit ihrer Situation zu tun hatte. Aber was? Wir fanden heraus, dass Eidechsen den Winter bis zu einem halben Meter tief unter der Erde verbringen und im März herauskommen, um sich in den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings zu wärmen. Für die Frau war das eine klare Einladung: Es ist Zeit, das kleine Mädchen aus dem Keller zu lassen. In der Auszeit begegnete ihr eine weitere Eidechse. Sie nahm das als Bestätigung wahr. Und sie war übrigens die einzige, die in den Tagen Kontakt mit Eidechsen hatte.

Dem wahren Selbst Raum geben

Sich um seinen Körper zu kümmern, heißt nicht, den Körper so lange wie möglich und zur Not künstlich für sich verfügbar und irgendwie »jung« zu halten. Denn das nährt nur das kleine Ego und verpasst in Wahrheit das Wesentliche. Nein, es geht darum, körperlich-seelisch die eigene Natur und damit das wahre Selbst zu verwirklichen. Alles finden wir in der Natur: die Kreisläufe des Lebens, des Todes und der Auferstehung, des Werdens und Vergehens, Empfangen und Loslassen, Schmerz und Liebe. Und wenn wir dafür in unserem Leben achtsam werden, verwirklicht sich das, was Paulus den »Heilsplan Gottes« nennt (Kol 1,25). Christus ist das Symbol des wahren Selbst, »jenes Geheimnis, das seit ewigen Zeiten und Generationen verborgen war« (Kol 1,26) – verborgen in den Tiefen der Wirklichkeit, die nichts anderes sind als unsere Seele. Dieses Geheimnis offenbar werden zu lassen, sprich: zu Bewusstsein zu bringen, ist das tiefe Ziel unserer Existenz – und das wesentliche Ziel des Christentums. »Christus ist unter Euch« (Kol 1,27), sagt Paulus und wörtlich steht da: Christus ist IN Euch. Christus verkündigen bedeutet also, Menschen mit ihrem wahren Selbst in Kontakt zu bringen, und das schließt nicht nur den Körper ein, sondern geht nur körperlich. Paulus drückt es so aus: »… jeden Menschen vollkommen darstellen in Christus« (Kol 1,28).

Für ein Christentum aus Fleisch und Blut

Bevor wir im Rad einen Schritt weiter gehen, möchte ich diese Einführung in die Qualität des Südens mit einem Plädoyer beenden für ein schöpfungsorientiertes und sogar erotisches Christentum aus Fleisch und Blut. Die Folgen der platonischen Vergeistigung, die das Christentum in den ersten Jahrhunderten prägten, sind nicht bloß theoretischer Art. Sie wirken sich nicht nur auf das Schicksal einzelner Menschen aus, sondern bedrohen inzwischen unübersehbar die ganze Mutter Erde. Die Abwertung alles Körperlichen und mit ihm alles Materiellen ist nicht bloß eine philosophische Frage oder eine Art Geschmackssache. Ich bin überzeugt, dass die Zerstörung der Umwelt, die durch Menschen ausgelösten Veränderungen wie der Klimawandel oder das Artensterben, das wir gegenwärtig erleben, eine Ursache in dieser traditionellen westlich-abendländischen Körperfeindlichkeit haben. Wenn wir uns nicht für den Körper und damit eben auch für die wilde Natur öffnen, werden wir nur Symptome bekämpfen, nicht aber die Wurzel des Übels berühren können. Es geht vielmehr darum, sich selbst wieder als Teil der nackten Schöpfung zu erfahren und gerade aus dieser Erfahrung tiefer Verbundenheit heraus die Trennung, Ausbeutung, den Missbrauch und die Zerstörung zu sehen, zu betrauern und zu beklagen. Und von dort aufzu(er)stehen in einen kraftvollen Widerstand, voller Eros, der »uns zum Göttlichen hinreißen« und »uns über uns selbst hinausführen« will (Deus Caritas Est 5), sprich: das Ego übersteigt.

Für eine ökologische Öffnung

Wie eine solche Öffnung aussehen könnte, deutete sich vor einigen Jahren in der Öko-Enzyklika von Papst Franziskus an, in der er zugibt, »dass wir Christen den Reichtum, den Gott der Kirche geschenkt hat, nicht immer aufgenommen und weiterentwickelt haben – ein Reichtum, in dem die Spiritualität nicht von der Leiblichkeit, noch von der Natur oder den Wirklichkeiten dieser Welt getrennt ist, sondern damit und darin gelebt wird, in Gemeinschaft mit allem, was uns umgibt« (LS 216). Papst Franziskus ging und geht es nicht nur um ein paar Informationen über Umweltprobleme. Es geht darum, sagt er, »das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln« (LS 19). Der kleine Spruch vom Anfang – »Kümmere dich um deinen Körper« – ist so betrachtet gleichbedeutend mit »Kümmere dich um den Körper von Mutter Erde, denn es ist der einzige Ort, den du zum Leben hast«. Wenn die Natur leidet, so leiden in Wahrheit wir selbst, auch wenn unser Ego das ausblendet oder nicht wahrhaben will. Aber unbewusst, seelisch betrifft uns das Leid selbstverständlich, denn wir SIND die Betroffenen.

Beschützer des Werkes Gottes

Genau so hat es Papst Franziskus sehr ehrlich fomuliert, und dem ist nichts hinzuzfügen: »Wenn ›die äußeren Wüsten … in der Welt wachsen, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind‹ (Benedikt XVI.), ist die Umweltkrise ein Aufruf zu einer tiefgreifenden inneren Umkehr. Doch wir müssen auch zugeben, dass einige engagierte und betende Christen unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus gewöhnlich die Umweltsorgen bespötteln. Andere sind passiv, entschließen sich nicht dazu, ihre Gewohnheiten zu ändern, und werden inkohärent. Es fehlt ihnen also eine ökologische Umkehr, die beinhaltet, alles, was ihnen aus ihrer Begegnung mit Jesus Christus erwachsen ist, in ihren Beziehungen zu der Welt, die sie umgibt, zur Blüte zu bringen. Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben; sie ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung.« (LS 216-217)
Wie kümmerst du dich um deinen Körper? Auf welche Weise gibst du der Natur Raum? Auf welche Weise gibst du deiner wahren Natur, deinem wahren Selbst Raum? Wie gehst du um mit der gegenwärtigen Umweltkrise?
»Christus ist unter euch.« Kolosser 1,27 16. Sonntag im Jahreskreis C

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