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Johannes der Täufer ruft in der Wüste zur Umkehr auf, Jesus schickt seine Jünger ohne jegliche Absicherung in die Mission und Franz von Assisi gibt seinen ganzen Besitz auf, um radikal arm zu leben. Diese Reihe von Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen und sie haben alle eines gemeinsam: Sie erscheinen kein bisschen »alltäglich«, sondern ziemlich außergewöhnlich und extrem. Kann es also überhaupt aus christlicher Sicht eine alltägliche Spiritualität geben? Oder anders gefragt: Was kennzeichnet eine christliche Spiritualität des Alltags, wenn sie sich an solchen »Vorbildern« messen will?

Christentum: Eine Religion des Abstiegs

Das Kirchenjahr beginnt im Advent am Tiefpunkt des Jahreskreises: In der dunkelsten Zeit, wenn die Nächte am längsten und die Tage am kürzesten sind. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. »Werden wir überleben?« Das war Tausende von Jahren die zentrale Frage, die mit dieser dunklen Zeit verbunden ist: Werden die Vorräte reichen, haben wir genug Brennmaterial, um das Feuer zu hüten?

Wir spüren diese existenziellen Herausforderungen der dunklen Jahreszeit nicht mehr äußerlich, wir sind satt, warm und trocken. Aber innerlich geht es immer noch ums Überleben: Wenn die Seele hungert, friert und zittert. Das Leben führt uns an solche Tiefpunkte, die wir gerne so lange wie möglich »hinter den Gardinen« des Alltags verbergen. Wir funktionieren dann, wider alle Fragen: Werden wir in einer Beziehung wieder zueinander finden oder wird sie zerbrechen? Kann ein Streit geschlichtet werden und finden wir eine versöhnliche Lösung? Werde ich wieder gesund?

Das Christentum ist eine Religion des Abstiegs ist: Gott wird Mensch. Er steigt von seinem himmlischen Thron. In Christus, seinem Sohn, steigt er bis in die tiefsten Tiefen, ja sogar in »das Reich des Todes«, wie es im Glaubensbekenntnis heißt. Statt darin einen Spiegel für unsere Lebenswirklichkeit zu sehen, haben Christen in 2000 Jahren paradoxerweise immer genau diesen Abstieg verdrängt. Stattdessen wird dann Jesus ausgiebig verehrt: ER ist der »Held«, der hinabsteigt. ER stirbt am Kreuz. FÜR uns. Je größer die Verehrung, je mehr wir »Herr, Herr« rufen (Lk 6,46), desto größer aber wird der Schatten: Wir wachsen hinein in eine Schonhaltung, in eine Haltung der Vermeidung. Und wenn ER alles für uns getan hat, kommen wir ja vielleicht drumherum, selbst hinabzusteigen.

Flucht ist keine Lösung

Wir kommen natürlich nicht drum herum, wir kommen nur hindurch: Der Abstieg, die Dunkelheit – das gehört zum Leben, so wie der Winter zum Jahreskreis. Gott wird Mensch, das heißt dann auch: Gott begegnet uns nicht in einem fernen Wolkenkuckucksheim oder eben erst »nach dem Tod«, sondern mitten im Leben. Mitten im alltäglichen Leben. Es braucht Menschen, die den Abstieg dorthin wagen und genau dort das Feuer der göttlichen Liebe hüten, damit es uns wärmen und nähren kann.

Es gibt interessanterweise zwei Definitionen von Alltag, die der Duden kennt. Zum einen das »tägliche Einerlei«, die Gewohnheiten und Routinen, die unser Leben prägen. Dieses tägliche Einerlei gibt natürlich auch ein Form von Sicherheit und es besteht die Gefahr, das wir uns darin nicht nur gemütlich einrichten, sondern regelrecht verbarrikadieren. Dann kommt Johannes der Täufer und ruft zur Umkehr (Mt 3,1-12) und drängt uns – ganz prophetisch -, über den Tellerrand zu schauen und überhaupt hinzuschauen und die Probleme, die Ungerechtigkeit, das Leid und die Not um uns zu sehen, so dass wir das Notwendige und Mögliche tun können und »Früchte der Umkehr« bringen.

Die zweite Definition von Alltag lautet »Werktag«. Und schnell wird deutlich: Wir können vor der Welt fliehen und uns in den Alltag zurückziehen, aber wir können auch aus dem Alltag und vor dem Notwendigen des Werktags fliehen und dann immer das Besondere suchen, immer das Außergewöhnliche. Egal welche Fluchtvariante aber wir wählen, es bleibt eine Flucht – und Flucht ist keine Lösung.

Dazwischen

Wir finden Gott »dazwischen«, sprich: inmitten der Wirklichkeit. Sobald wir etwas von dieser Wirklichkeit ausblenden, entfernen wir uns von Gott und seiner Gegenwart. Es wird dann – auf welche Weise auch immer – exklusiv und wir schließen etwas oder jemanden aus.

Vielleicht ist das der Grund, warum Johannes der Täufer im Evangelium den Pharisäern Verlogenheit vorwirft (Mt 3,7-9). Sie glauben, sie könnten dem Gericht entgehen, heißt es, und sie verlassen sich darauf, dass sie »Kinder Abrahams« sind, also zur richtigen Gruppe gehören und die richtige Weltanschauung haben oder so etwas. Johannes holt sie radikal auf den Boden der Gegenwart zurück: Niemand ist besser oder schlechter als ein anderer, ganz gleich welcher Gruppe du angehörst oder was du für wahr und richtig hältst. Die Wirklichkeit hält sich meistens nicht daran. Und Gott auch nicht. Johannes der Täufer bringt das radikal auf den Punkt: Gott kann aus Steinen Kinder Abrahams machen, sagt er (Mt 3,9). Auch das Unbedeutende und scheinbar Unnütze ist zur Verbindung mit Gott in der Lage. Vielleicht ist das, was du Gott hinhältst, das, was du für würdig und gut erachtest, gar nicht das, was Gott berühren will. Vielleicht will er das versteinerte in Dir berühren und es verwandeln in Lebendigkeit.

Zur Wahrheit dieses Dazwischengehens gehört auch, dass Jesus selbst dauernd Gewohnheiten und Konventionen durchbricht: Er ist mit Menschen zusammen, die nicht den Ansprüchen des Mainstream entsprechen, er spricht und isst und feiert mit den »Sündern« und erzählt verstörende Gleichnisse von Arbeitern im Weinberg, die alle den gleichen Lohn bekommen, egal, wieviel sie gearbeitet haben.

Das große Komma

Oft gerät in Vergessenheit, dass wir in den Evangelien nur den Anfang und das letzte Jahr des Lebens Jesu vor Augen geführt bekommen. Im Glaubensbekenntnis heißt es auch nur: »geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus«, so als wäre alles, was Jesus zwischen Geburt und Tod erlebt und gelebt hat, gewissermaßen überflüssig.

Richard Rohr spricht von dem »großen Komma«, das jene Zwischenzeit des Alltags repräsentiert und die die Evangelien nicht erzählen. All die Jahres des Alltags, des Lernens, des Wachsens und Reifens, der Arbeit und des Schaffens sind im Glaubensbekenntnis in diesem Komma enthalten. Es lohnt sich, dieses Komma, dieses Dazwischen, in den Blick zu nehmen, zu meditieren und als Spiegel zu betrachten. Wir werden unser eigenes Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen und allem, was es ausmacht, in diesem Komma wiedererkennen. Und seine Botschaft ist: Fürchte Dich nicht, du bist nicht allein. In diesem Sinne: Eine gesegnete Adventszeit. 

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du kannst diese folge auch bei itunes oder spotify finden oder hier einfach herunterladen.

»Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.«
Matthäus 3,9
Zweiter Adventssonntag A

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Danke für diesen starken Text!

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