Nein, mir ist nicht nach Ostern zumute. Mehr als 76000 Menschen in Deutschland sind mit und an Corona gestorben. Weltweit sind es bald drei Millionen. Und das ist ja nicht das einzige Unheil. Tatsächlich ist es ein Tropfen auf den heißen Stein des weltweiten Leidens, der Ungerechtigkeit und himmelschreienden Grausamkeiten, die Menschen einander und ihrer Mitwelt antun. Selbst wenn wir also könnten: Wie sollten wir angesichts dieser Tatsachen überhaupt Auferstehung feiern?

Ich möchte hier einen Artikel teilen, der im Magazin »Andere Zeiten« erschienen ist und bei dem ich nach wie vor hinter jedem Wort stehe, auch wenn diese Gedanken einige Mitmenschen und vor allem Mitchristen regelrecht zur Weißglut gebracht haben. Das zeigt mir, dass es längst an der Zeit ist, Tacheles zu reden.

Ich kann das längst nicht mehr so einfach glauben mit der Auferstehung. Ich kann nicht glauben, dass Jesus auf übernatürliche Weise wieder lebendig geworden ist und über den Tod triumphierend sein Grab verlassen hat. Schon gar nicht möchte ich glauben, dass das nur einmal passiert sein soll! Warum? Damit wir demütig bestaunen, dass es möglich wäre? Wäre! Warum geschieht es nicht jetzt und hier?

Warum kann der Junge nicht auferstehen, den ein Psychopath im Bahnhof plötzlich vor den einfahrenden Zug stößt? Seine Mutter überlebt den Angriff und sieht mit an, wie ihr Kind überrollt wird. Unschuldig. Völlig sinnlos. Grausam. Wäre das nicht Anlass genug, es noch einmal zu tun: Noch einmal Auferstehung bitte!

Und mir steht das Bild vor Augen von dem kleinen Jungen, der bäuchlings am Strand liegt. Ertrunken auf der Flucht. Drei Jahre alt. Er konnte nun wirklich nichts dafür. Er konnte nicht entscheiden, ob er in das Boot steigt. Wenigstens für ihn: Auferstehung bitte!

Karfreitag, soweit das Auge reicht

Als Kind habe ich gelernt, dass wir nach dem Tod in den Himmel kommen. Wenn wir brav sind. Als Erwachsener will ich mich nicht mehr auf später vertrösten lassen. Und ich will mein Bibel- und Katechismuswissen nicht vor mir her tragen wie ein ideologisches Schild, hinter dem ich meine Zweifel verstecken kann. Ich habe Zweifel. Und meine Erfahrung ist die: Da ist Karfreitag, soweit mein Auge reicht. Und erst wenn ich damit aufhöre, dem auszuweichen oder das irgendwie schönzureden, wenn ich aufhöre, in den Himmel zu starren und es »wieder gut« machen zu wollen, erst dann bewegt sich etwas.

Wenn ich vor den zahllosen Karfreitagen um mich herum nicht kapituliere, nicht flüchte in billigen Trost, in eine Rede vom »Leben nach dem Tod« oder sonstige Dinge jenseits von Wirklichkeit und Erfahrung, sondern wenn ich genau in dieser Wirklichkeit und in diesen Erfahrungen bleibe mit ihrem Schmerz und der Ohnmacht, dann beginnt etwas, das sich lebendig anfühlt: Wenn ich in mir Raum schaffe für das, was Fulbert Steffensky einmal die »Würde der Untröstlichkeit« nannte, wenn ich es wage, dem Leben und seiner Abschiedlichkeit in die Augen zu blicken, dann – das glaube ich – schaue ich in die Augen Gottes. Und dann beginnt für mich ansatzweise so etwas wie Auferstehung, aber nicht als übernatürlicher Spuk, sondern eher als eine stille, unscheinbare Keimkraft.

Ein wilder Gott, kein lieber Gott

Die Augen, in die ich dann schaue, sind nicht die Augen eines »lieben« Gottes. Es ist ein wilder Gott. Und ja, ich fürchte mich davor, das ist herausfordernd. Diese Wildnis, die ich da sehe, ist eremos, wie die Bibel diese Qualität nennt: Einsamkeit, Öde, Nichts oder auch einfach nur »wilde Natur«. eremos ist der »einsame Ort«, an den sich Jesus zurückzieht zum Gebet. eremos ist dort, wo Elija in seiner Ratlosigkeit Gott begegnet – nicht im Sturm, sondern im »leisen Säuseln«. eremos ist die Wüste, durch die das Volk Israel 40 Jahre ins gelobte Land zieht, frei und zugleich obdachlos.

Im eremos findet Mose den Dornbusch. Ja, der eremos ist heiliger Boden: Mose spricht mit Gott barfuß – also ohne jegliche Schutzhäute, ohne Sicherheiten. eremos ist jener Ort, an dem ich mich nicht mehr auskenne, wo ich den Überblick und die Kontrolle verliere an etwas, das größer ist als ich. eremos ist wie der Kokon, in den sich die Raupe einspinnt mit leiser Hoffnung, wissend, dass es nicht mehr sein wird, wie es war, aber ohne zu wissen, wie es einmal sein wird und ob überhaupt etwas sein wird. Im eremos steht die Zeit still. Im eremos gibt es nur radikales Hier und Jetzt, radikales Sosein.

Erwachsene Spiritualität

Eine erwachsene Spiritualität kommt um diese eremos-Qualität nicht herum, meine ich. So gesehen ist meine Spiritualität immer mehr eine Spiritualität des Karsamstags geworden. Eine Spiritualität, die Raum lässt für Zweifel und Fragen und mich herausfordert, in Antworten erst hineinzuleben, wie es Rilke einmal formuliert hat. Eine Haltung, die das, was geschieht, als das würdigen kann, was es ist und wagt, da zu bleiben, sei es auch schmerzhaft, schrecklich, unendlich traurig. Und zulässt, dass etwas wächst: Mitgefühl, Solidarität, Liebe vielleicht.

Die berechtigte Frage lautet: Ist denn das ein Trost? Und die ehrliche Antwort lautet: Nein. Nichts wird dadurch »wieder gut«. Aber es wird anders. Und darin liegt Kraft. Und so möchte ich an die Auferstehung glauben, dass sie nicht die Wunden verschwinden lässt, sondern sie zum Leuchten bringt. Nicht erst, wenn alles perfekt ist, beginnt diese Auferstehung. Sie beginnt jetzt und schließt alles Verwundete mit ein. Ja, »durch« die Wunden hindurch geschieht Auferstehung, entsteht Verbundenheit, lasse ich mich berühren.

Wurzeln schlagen im Dornbuschland

So möchte ich an die Auferstehung glauben: kein mirakulöser, übernatürlicher Vorgang oder ein Geschehen am Sankt Nimmerleinstag. Auferstehung scheint auf – jetzt und hier -, wenn ich mich in den eremos wage, in die Wildnis, ins Dornbuschland: Wenn ich mich berühren lasse von dem, was geschieht; wenn ich Zweifel nicht beiseite räume; wenn ich niemandem sage »wird schon wieder«, sondern »ich bin bei Dir und höre Dich«; wenn ich anderen und auch mir selbst vergeben kann; wenn ich den Mist anderer nicht verurteile, weil mein eigener Mist im Weg liegt und ich nicht einfach über ihn hinweggehe; wenn ich meine Sehnsucht und meine Träume nicht gänzlich der Nützlichkeit opfere, sondern dem leisen »was wäre wenn« folge; wenn ich im Unvollkommenen das Vollkommene sehe.

Auferstehung ist eine Lebenshaltung, in die ich mich berufen fühle und die ich einüben möchte, indem ich mich in die Wüste wage und Wurzeln schlage im eremos.


Dieser Artikel ist erschienen in: Andere Zeiten Magazin zum Kirchenjahr Heft 1/2021, Verein Andere Zeiten, Hamburg, www.anderezeiten.de

Ich freue mich über Feedback und wünsche – trotzdem und in diesem Sinne – ein gesegnetes Osterfest!
Pace e bene,
Jan.

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