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An Ostern entscheidet sich alles. Die Sache mit der Auferstehung ist der Kern, der Nukelus christlicher Weltanschauung. Wenn wir diesen Kern nicht mehr verstehen und nicht mehr erklären können, wenn die Auferstehung uns nicht mehr Wegweiser ist und zum Leben hilft, dann können wir das Christentum getrost einmotten. Es verliert seine Kraft.

Ohne Auferstehung wäre die Erfahrung des Kreuzes bloß noch Niederlage. Wenn wir die Auferstehung nicht sehen, nicht verstehen, nicht glauben können, bleibt fast nichts anderes übrig, als zu verbittern oder die Augen zu verschließen angesichts unermesslichen Leids, das sich täglich ereignet: vom persönlichen bis zum Leid ganzer Völker, die gekreuzigt werden und nach Befreiung rufen. Die Welt ist dann nichts als ein gewaltsamer Ort – und Gott ein grausamer Ignorant, wenn wir nicht die Auferstehung sehen.

Also: Was ist Auferstehung?

Auferstehung ist nicht bloß eine Idee oder ferne Hoffnung, sondern eine praktische und gegenwärtige Erfahrung. Das erzählt auch die Bibel. Zuerst ist nur das Grab leer. Aber später begegnet Jesus »leibhaftig«. Es wird gemeinsam gegessen (Mk 16,14; Lk 24,30; Joh 21,1-25). Die Jünger erfahren Jesus in ihrer Mitte als den, der Frieden bringt (Lk 24,36). Und Thomas wird seine Finger im wahrsten Sinne des Wortes in die Wunde legen (Joh 20,24-29).

Wohlgemerkt: Die Wunden sind noch da. Auferstehung lässt die Verwundung nicht verschwinden. Sie ändert den Blick darauf. Ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür ist der Isenheimer Altar in Colmar von Matthias Grünewald: Auferstehung bringt die Wunden zum Leuchten, nicht zum Verschwinden. So wie Leonard Cohen singt: »Ring the bells, that still can ring. Forget your perfect offering. There’s a crack in everything. That’s how the light comes in.« (Läute die Glocken, die noch läuten können. Vergiss Dein perfektes Angebot. Da ist ein Riss in allem. So kommt das Licht herein.)

Kraft der Verwandlung

Nicht erst, wenn alles perfekt ist, beginnt die Auferstehung. Sie beginnt jetzt und schließt alles Verwundete mit ein. Ja, »durch« die Wunden hindurch geschieht Auferstehung, ereignet sich wahrhaftige Gemeinschaft und werden wir befähigt, Verantwortung für das Leben zu übernehmen. Insofern meint Paulus nicht, dass wir uns von der Welt abwenden und einem fernen Wolkenkuckucksheim zuwenden sollen, wenn er schreibt: »Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist … Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott« (Kol 3,1-3).

Vielmehr können wir Paulus so verstehen: Unser Leben, unser »wahres Selbst«, die Seele, ist »verborgen in Gott«. Sie ist unsterblich und unverletzbar. Auferstehung ist kein Vorgang, sondern eine immerwährende Wirklichkeit. Auferstehung geschieht nicht am Sankt Nimmerleinstag, sondern scheint auf – jetzt und hier: wenn uns vergeben wird, ohne dass wir es verdient haben; wenn wir den Mist anderer nicht verurteilen, weil unser eigener Mist im Weg liegt und wir nicht einfach über ihn hinweggehen; wenn wir aushalten, was ist, obwohl wir die Dinge lieber anders hätten; schließlich: wenn wir im Unvollkommenen das Vollkommenen erblicken. Auferstehung ist die Kraft des Himmlischen inmitten alles Irdischen. Auferstehung ist die einzige Kraft, die Gewalt, Gier, Zerstörung, Selbstbetrug und Verzweiflung überwinden und verwandeln kann.

Kraft des Lebendigseins

Auferstehung ist nichts Übernatürliches. Sie ist ein Teil dieser Schöpfung. Seit Urzeiten gehen wir Menschen durch die Zyklen von Werden und Vergehen. Wir erleben, wie aus der Wirklichkeit des Winters ein neuer Frühling hervorbricht, sich das Leben in einen Sommer entfaltet und im Herbst wieder zurückzieht, um nach einem Winterschlaf wieder zu erwachen. Allerdings sind wir nicht einfach nur ein Teil davon wie alle anderen Lebewesen. Wir sind jenes Lebewesen, das ein Bewusstsein für diese Zyklen entwickelt hat. Wir fragen: Welche Kraft wirkt da, die wir »Leben« nennen?

Hildegard von Bingen spricht von der viriditas, was meistens mit »Grünkraft« übersetzt wird, aber zu kurz greift. Viriditas ist die allem innewohnende Kraft des Lebendigseins. Wir können sagen: Das ist Christus, der da wirkt. Ein Ausdruck dieser Reflexion ist der Kreis oder das Rad als ein universelles Symbol, das die Gegensätze miteinander verbindet und »in eins« bringt: Den Sommer im Süden und den Winter im Norden, den Morgen im Osten und den Abend im Westen. Geburt und Tod, Licht und Schatten. Die ganze Welt ist bipolar und alles Leben bewegt sich von Speiche zu Speiche wie in einem drehenden Rad.

Das Rad als universelles Symbol des Lebens

Das bekannteste Rad ist vielleicht der Jahreskreis, der allerdings immer mehr seine existenzielle Bedeutung verliert. In alten Zeiten war es lebensnotwendig, sich in Raum und Zeit zu orientieren. Die Zeitpunkte für Saat und Ernte richtig zu bestimmen. Und das Rad ist immer auch ein inneres Symbol gewesen: Auch unser Leben kennt einen Frühling, einen Sommer, einen Herbst, einen Winter. Wir reifen heran und erleben, wie sich unsere Persönlichkeit in der Pubertät verändert und wie wir erwachsen werden. Und auch wenn wir den genauen Zeitpunkt der Lebensmitte nicht kennen können, so wissen wir doch, was es bedeutet, den Zenit zu überschreiten und in den Herbst des Lebens einzutreten. Wir wissen, was es bedeutet, Neuanfänge zu wagen und Krisen zu überstehen, und das Alter und der Tod sind die letzten großen Lehrmeister auf dem Lebensweg.

Wir können daher auch sagen: Auferstehung ist eine bestimmte Lebenshaltung. Wenn wir Visionssuche machen, dann üben wir diese Haltung der Auferstehung ein. Wir lernen, uns zur eigenen Lebenswirklichkeit zu ver»halten«, so dass wir wachsen und reifen können. Das Lebensrad dient dabei als Kompass, der uns hilft, uns zu orientieren und darüber zu sprechen. Was wir brauchen, sind Erfahrungen von Auferstehung und das Rad kann uns helfen, sie zu erkennen: Wo stehen wir gerade? Wie weit sind wir von der Auferstehung entfernt? Was gibt es noch zu tun?

Einführung in das Lebensrad

Vielfach kam in den vergangenen Monaten die Frage nach einer Einführung in dieses Lebensrad und ich möchte auf diesen Wunsch gerne eingehen. Deshalb ist der heutige Beitrag der Auftakt zu einer längeren Reihe über das Rad des Lebens, wie ich es in der Lebensschule verwende. Nach einer Einführung in das Rad als Ganzes gehen wir dann in die einzelnen Himmelsrichtungen bzw. Qualitäten. Ich empfehle auch das Buch »barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität« (http://buch.barfuss-und-wild.de).

Welche Momente der Auferstehung erinnerst Du?
Wo im Leben sehnst Du Dich nach Auferstehung?

2 Kommentare

  1. Petra Zeidler

    D a n k e ! Diese wunderbare Erklärung der Auferstehung gibt mir erneut Mut – Mut, für jeden Tag – gute 24 Stunden. Ich bin aufgefordert, mich immer wieder neu zu er-INNERN, neu zu VERBINDEN, erNEUt AUFerSTEHEN, weitergehen, verTRAUEN, die Hoffnung nicht verlieren – das mir Mögliche TUN. SEIN, wie ich bin.
    Ich freue mich auf die nächsten Wochen, das Lebensrad kennenzulernen – es war ein Wunsch von mir 🙂 – wie schön, dass es gehört wurde ;-). Ich freue mich auf die Visionssuche. Ich will lernen, in Gottes GEGENWART zu lernen und zu arbeiten an meinem wahren Kern. Ich will sehen, was in mir tatsächlich schon/noch angelegt ist – offen SEIN. Und ich danke, erkenne, dass Lebenskrisen diese Möglichkeiten mit sich bringen. NAMASTE

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