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»Du kannst alles tun, aber gib niemals auf!« Klingt ermutigend? Nein. Sagen wir doch, wie es in Wahrheit ist: erdrückend und stressig. Hier kommt ein deutliches »Stop!«. Und eine Erinnerung daran, dass »aufgeben« und »loslassen« können zu den zentralen Tugenden des Christentums zählt, auch wenn ausgerechnet Christen das ziemlich oft vergessen haben. Wie konnte das passieren?

Leichtigkeit?

Christentum müsste sich ja eigentlich leicht und befreit anfühlen: »Alle Ketten sind gesprengt. Nichts hält mich mehr gefangen. Alle Last ist von meinen Schultern genommen.« Oder so ähnlich. Höre ich auch immer mal wieder. Aber meistens stellt sich ganz schnell etwas (oder jemand mit Gedanken wie den folgenden) in den Weg. Etwa so: »Versau es bloß nicht, sonst kommst du nicht in den Himmel.«

Das passt zwar überhaupt nicht zur Botschaft Jesu: Das Himmelreich ist jetzt und hier, sagt er, mitten unter uns. Wir können es – scheint’s – nicht »verdienen«, wir müssen eher die Augen öffnen, um es sehen zu können. Aber dann wird eben gerne ein Zitat wie das folgende ins Feld geführt: »Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.« (Lk 14,26-27). Und das klingt tatsächlich nicht gerade leicht! Oder?

Anstrengung?

Und wenn man dann nachliest, was Jesus da eigentlich genau sagt im Evangelium, stößt man auf zwei eigenartige Beispiele, mit denen er seine vermeintlich »zwingenden Voraussetzungen«, »scharfen und strengen Anforderungen«, ja »harten Bedingungen« (liest man genau so bei diversen Bibelfachleuten von heute) erklären will: Wer einen Turm baut, sagt Jesus, der rechnet sich auch vorher aus, ob die Mittel reichen. Sonst wird er womöglich später noch ausgelacht, wenn er’s nicht fertigbringt. Oder ein König, der einen Krieg anzetteln will, schaut ja auch, ob seine Streitkräfte ausreichen. Aber wenn der andere König doppelt so viele Soldaten hat, geht er doch lieber gleich hin und schließt Frieden.

Es gibt eine Menge Christen – und ich kenne manche persönlich -, die würden das ohne mit der Wimper zu zucken im Sinne einer radikalen Leistungsspiritualität so auslegen: Überleg dir gut, ob du dich auf diesen Jesus einlassen willst. Das ist nämlich nur was für die, die es ganz, ganz ernst meinen und bereit sind »alles zu geben«. Und Jesus sagt’s ja selbst: »Keiner von euch kann mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet« (Lk 14,33). Bäm!

Exklusive Leistungsspiritualität?

Diese Leute stehen in einer langen Tradition, die ich bis Augustinus zurückverfolgen kann, dessen Weltbild ich mir zwar zu erklären vermag, aber dennoch abstoßend finde: Nur die Wenigsten schaffen es seiner Ansicht nach in den Himmel. Die meisten landen in der Hölle – da sitzt dann die »massa damnata«, die verdammte Masse, und hat einfach keine Chance. Der Himmel ist eben eine exklusive Veranstaltung. Um dorthin zu gelangen, muss man die Erbsünde – die für Augustinus die böse Natur des Menschen ausmacht – überwinden. Und das ist eben nur wenigen möglich.

(Interessanterweise – das nur zwischendurch – findet sich diese Vorstellung heute wieder in einer Gesellschaft von Selbstoptimierern: Bist du krank, arm oder auch nur fett – ich spitze es jetzt mal zu -, dann hast du dich halt noch nicht genug angestrengt. Aber hey, bleib optimistisch. Nicht aufgeben! Du kannst es schaffen. Mach weiter. Weiter! WEITER! WEITER!!!!)

Ich bin sicher, dass das mit Jesus nichts zu tun hat. Ja, dass er sogar genau vor so einem Wahnsinn warnen will. Warum sollte er auch den Weg zu Gott, den er anbietet ausgerechnet mit einem »Krieg« vergleichen – wie passt das zur Bergpredigt? Und der Turmbau erinnert mächtig an den Turmbau zu Babel, der nichts weniger symbolisiert als die menschliche Hybris per se. Das wäre so, als würde Jesus sagen: Passt auf, nur wenige schaffen es, ein Schiff wie die Titanic zu bauen. Überlegt Euch, ob ihr es schafft. What? Never! Das Projekt Titanic ist ebenso in die Hose gegangen wie der babylonische Wolkenkratzer.

Loslassen

Jesus sagt in Wahrheit genau das Gegenteil: Lasst eure Turmbauprojekte, Euren Titanic-Größenwahn. Nicht »Think big«, sondern »keep it simple«. Und hört auf, Kriege zu führen, wenn ihr mir folgen wollt. Holt die Soldaten heim. Schließt Frieden mit euren Feinden. Und ja: Wieviel unsägliches Leid wäre der Menschheit erspart geblieben, wenn Tyrannen sich zu solchen Königen gewandelt und »aufgegeben« hätten, statt den »totalen Krieg« oder ähnliches zu propagieren.

Aber das ist auch ein Spiegelbild für uns selbst: Welche alten Kriege führe ich in mir, welche Konflikte lasse ich schwelen und wo investiere ich Zeit in Rache- oder Hassfantasien? Welche Türme des Hochmuts baue ich, welche stolzen Selbstbilder pflege ich, die mich im Grunde selbst überfordern? Und über welche »Sippe« oder soziale Gruppe definiere ich mich? Welcher »Besitz« soll mich groß machen? Es sind solche Fragen, die gar nicht in erster Linie unser Portemonnaie betreffen, sondern unser Ego, dass an unserem Status interessiert ist, aber Gefahr läuft, die Würde und Lebendigkeit zu verlieren.

Der Norden im Lebensrad

Seit ich das Lebensrad kenne, erstaunt mich nicht, dass Jesus für seine Beispiele den Archetyp des Königs heranzieht. Dieser Archetyp entspricht im Lebensrad der Qualität des Nordens. Ein König oder eine Königin, die nicht loslassen kann, bleibt stecken und kommt nicht weiter in den Osten, der für unser kreatives Potenzial, Erneuerung, Heiligen Geist steht. Immer wenn Leichtigkeit, Humor und Kreativität verloren gehen, ist das ein Hinweis darauf, dass sich irgendsoein Dämon der Überforderung ins Haus geschlichen hat und uns zuflüstert: »Du musst … du darfst niemals aufgeben«.

Zum Beispiel so: »Du musst diesen Blogbeitrag jetzt fertig schreiben und noch viel mehr über den Norden sagen.« Aber das mache ich nicht. Ich gebe – für heute – auf und gehe schlafen. Bis zum nächsten Mal muss es reichen. Und sonst muss gar nix ;-))

»Durch die Weisheit wurden sie gerettet.«
Weisheit 9,19
23. Sonntag im Jahreskreis C

4 Kommentare

  1. Peter Kolberg

    Dein Blogbeitrag trifft (wie immer) direkt mein Herz. Danke. Ich finde es auch merkwürdig, dass ich trotz meiner langen Glaubensgeschichte und -erfahrung mich ertappe, dass ich dem Leistungsgedanken immer wieder erliege.
    Danke für den Spiegel. Freue mich Dich bald persönlich kennenzulernen bei den Naturexerzitien in zwei Wochen.

    Antworten
  2. Elsensohn August

    Danke für Deinen Blog`!
    ….”Wer einen Turm baut, sagt Jesus, der rechnet…”
    Lukas beginnt sein Evangelium ja mit dem Kaiser Augustus und seinem Zählen, dass davon kein Friede kommen wird.
    Und das Rechnen ging schon bei David schief.

    Antworten
  3. Hannelore Wenz

    Ich habe den Text aufmerksam gelesen und er ist übertragbar auf mein ganzes letztes Jahr.
    Bevor ich aufgeben kann, muss ich jedoch erkennen, dass ich überfordert bin.
    Das stellt sich jedoch erst ein, wenn ich es körperlich fühlen kann, dass ich meine
    Grenzen überschritten habe. Im voraus konnte ich es nicht erkennen. So habe ich die übernommene Aufgabe zum Abschluss bringen können. Doch dann kamen all die Emotionen der Überforderung . Ich habe sie zugelassen und bin durch sie hindurchgegangen. Danach konnte ich loslassen und…….es stellten sich ein Leichtigkeit, Humor und Kreativität. Und meine Seele kann heilen.

    Antworten
  4. Petra

    D a n k e !!! für den Text und für die Kommentare !!! Für euer SEIN !!!
    Sehen und erkennen ! Hören und verstehen ! Fühlen und erfahren !
    Annehmen und Werden ! Schüler der Erfahrung WERDEN und SEIN !
    Ich muss gar nix! Ich darf :
    d ICH finden – m ICH finden – m ICH fühlen – d ICH fühlen.
    Mich berühren lassen – berührt sein ! WAHRnehmen!
    Annehmen – loslassen – HEILung finden – LEBEN – SINNvoll leben!
    LIEBE leben !
    EINFACH sein – einfach SEIN – das göttliche Wesen sein, als das wir gebor(g)en sind. EINFACH SO !
    Danke !!!

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