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»Berufung« gehört zu den am meisten aufgeladenen Worten zur Zeit, scheint mir. Ratgeber und Coaches überschlagen sich mit Hinweisen, was du tun kannst, um deine wahre Berufung zu finden und zu leben. Und auch traditionell religiös ist Berufung ein mega-aufgeladenes Wort, die geheimnisvolle göttliche Wahrheit über uns. Nur: Wie find ich es raus? Woher weiß ich denn nun definitiv: Das ist sie, meine Berufung?!

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Sieben Punkte, die dir helfen, Berufung zu erkennen

Die Geschichten kennt, glaube ich, jeder: Jesus geht am Seeufer entlang, trifft zwei Fischer und sagt ihnen, sie sollen ihm folgen. Prompt lassen sie ihre Netze liegen und gehen mit ihm. Andere verlassen ihre Familie und ziehen mit ihm durch die Lande. Ich bin immer über dieses »sofort« gestolpert.

In christlichen Kreisen ist genau so eine Vorstellung von exklusiver Berufung verbreitet, die irgendwie erdrückend sein kann: Wann hat Jesus dich berufen, wann hast du dich für ihn entschieden? Und was, wenn ich das nicht so erlebt habe, wenn Jesus einfach immer da war, wie ein Begleiter. Was ist dann meine Berufung?

Und was wäre, wenn es auch in anderen Bereichen nicht bloß spektakuläre Berufungen gäbe, sondern Berufung mehr ein Prozess ist, etwas, das wächst oder in das ich hineinwachse?

Ich habe sieben Punkte für mich gefunden, die aus der Arbeit in der Lebensschule entstanden sind. Vielleicht helfen sie Dir auch, eine Antwort zu finden auf die Frage nach der eigenen Berufung.

Berufung ist naheliegend

Zuerst: Berufung ist nicht weit weg, sondern liegt nahe. Das, was direkt vor unserer Nase liegt. Vielleicht das, was wir längst tun. Oder das, was sich uns in den Weg stellt – ich komme gleich noch darauf zurück.

Natürlich besteht die Gefahr, dass wir dran vorbei gehen. Franz von Assisi entdeckte das kleine verfallene Kirchlein San Damiano mit der wunderschönen Kreuzikone, in der er Christus begegnet, der ihm sagt: Bau meine Kirche wieder auf. Franz krempelt die Ärmel hoch und unternimmt alles, um das verfallene Kirchlein wieder zu errichten.

Erst später sehen seine Biographen darin ein Symbol für die große franziskanische Bewegung, die daraus hervorgegangen ist und die tatsächlich nicht nur die kleine Kirche San Damiano, sondern die ganze Weltkirche verändert und »wieder aufgebaut« hat.

Berufung kann klein sein

Das Beispiel zeigt, dass Berufung nicht groß sein muss. Vielleicht tut es gut, sich von der Vorstellung zu befreien. Das macht auch dankbar für das, was schon da ist und was jetzt und hier möglich ist.

Es geht also nicht darum, die »Weltherrschaft« zu übernehmen, sondern das Mögliche zu tun. Das bedeutet natürlich nicht, dass daraus nicht etwas Großes werden kann. Ungefähr so, wie man einen kleinen Samen einpflanzt, der eines Tages zu einem großen Baum werden kann. Am Anfang war er aber klein!

Berufung ist leicht

Berufung ist leicht, das meint nicht, dass es immer einfach und unkompliziert geht. Im Gegenteil, Berufung kann anstrengend, herausfordernd und auch schmerzhaft sein – und doch: Wenn es wahr ist, geht es leicht. Das bedeutet, dass Berufung immer etwas in Gang bringt, ins Fließen.

Vielleicht hat das etwas mit Authentizität zu tun. Denn wenn ich nicht authentisch bin, sondern mich vergleiche mit anderen, dann wird es schwer, weil ich ja versuche, jemand oder etwas zu sein, was ich in Wahrheit nicht bin.

Berufung muss kein Geld bringen

Beruf und Berufung müssen nicht identisch sein, will sagen: Ich muss Berufung nicht ökonomisieren, ich muss damit nicht zwangsläufig den Lebensunterhalt verdienen. Mütter (und Väter natürlich auch) leisten keine Erwerbsarbeit, sie werden von niemandem bezahlt und sie werden dennoch gebraucht und können darin eine Berufung finden.

Es ist schade, dass viele »Kinder« – und ich meine damit alle denkbaren Projekte und Herzensideen – nie das Licht der Welt erblicken, weil Menschen sie für wertlos halten. Verständlich in einer Gesellschaft, die alles am »Geldwert« misst. Ich möchte allen zurufen: Folge Deinem Herzen, und wenn es in einem kleinen ehrenamtlichen Projekt in deinem Dorf ist. Die Welt braucht das, die Welt braucht DICH!

Berufung wächst

Berufung wächst – sie liegt nicht schon fertig da, sondern es kommt eines zum anderen. Dinge ergeben sich, Situationen folgen aufeinander und dann kommt es darauf an, wie wir uns mit unseren Fähigkeiten, Ideen, Herzenswünschen und Möglichkeiten einfügen in die Wirklichkeit, anpassen – so wie es jedes Lebewesen auf diesem Planeten tut.

Das bedeutet manchmal, im Scherbenhaufen des Lebens nach einem Weg zu suchen. So schreibt J.K. Rowling, die Autorin von Harry Potter, dass es Harry Potter nie gegeben hätte, wenn sie nicht zuvor komplett gescheitert wäre im Leben. Sie war arbeitslos und lebte von Sozialhilfe und schreibt folgendes dazu:

»Scheitern hat dazu geführt, dass alles weggefallen ist bis auf das Wesentlichste. Ich hab aufgehört vorzugeben, dass ich jemand anderes bin als die, die ich bin und ich hab angefangen, meine ganze Energie ins Abschließen der einzigen Arbeit zu investieren, die mir wichtig war. Wäre ich bei all den anderen Dingen erfolgreich gewesen, hätte ich nie diesen unbedingten Willen gefunden, in dem Bereich alles zu geben, zu dem ich wirklich gehöre. Ich war frei, weil meine größten Ängste eingetreten sind und ich trotzdem noch am Leben war. Der Tiefpunkt meines Lebens war eine stabile Basis, auf der ich mein Leben neu aufgebaut habe.«

Dieser Punkt ist mir deshalb wichtig, weil er daran erinnert, dass Berufung nicht nur strahlend und lichtvoll ist, sondern gerade aus dem Schatten heraus erkannt werden kann.

Berufung kann Liebe auf den zweiten Blick sein

Es kann ja auch sein, dass es keine Krise gibt, sondern alles seinen Gang geht. Und dann nehme ich diesen oder jenen Beruf an, der vielleicht »in der Familie« liegt. Ich kann solche Entscheidungen, die gar nicht nur bewusst getroffen werden, nicht ändern. Es hilft nichts mit ihnen zu hadern.  Ich muss nicht zwangsläufig »umschulen« und ein neues Leben beginnen.

Berufung muss also nicht immer spektakulär ablaufen. Es kann auch die stille Entscheidung sein, das, was ich tue, richtig zu tun – und »richtig« meint hier von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Nicht, weil ich mir nicht auch anderes vorstellen könnte, sondern weil es einer Entscheidung bedarf, wenn es um Berufung geht.

Berufung kann in dem liegen, was dir am meisten Angst macht …

Berufung als Prozess – damit kann ich etwas anfangen. Es ist dann etwas, das wächst, etwas, das sich im Laufe der Zeit zeigt. Das hat mit Wachstum zu tun und Wachstum hat immer auch eine dunkle Seite, die wir in der Regel lieber meiden, tatsächlich aber nicht vermeiden können. Da gibt es meistens etwas, das sich mir in den Weg stellt und da gibt es letztlich nur einen Weg: hindurch.

Am besten wird das deutlich an der Geburt: Jede Geburt ist ein herausforderndes und in der Regel für alle Beteiligten auch mit Schmerz verbundenes Abenteuer, das wir »durchstehen« und dennoch würde niemand sagen, dass Geburt etwas Schlechtes ist.

Jede Berufung hat etwas von einem Geburtsprozess, weil ja in jeder Berufung etwas in die Welt kommen will. Und dann bleibt immer etwas zurück. Vielleicht gibt es etwas, das ich dann NICHT tun kann. Oder: Jesus sagt zu Fischern, dass er sie zu Menschenfischern macht. Sie lassen also auch etwas hinter sich, was jetzt nicht mehr dran ist. Ihre Familien werden auch nicht gerade begeistert gewesen sein – und es sind eben nicht immer alle begeistert, wenn es um Berufung geht. Berufung kann mit Phasen von Einsamkeit verbunden sein.

Der eigenen Berufung folgen hat mit Wachstum zu tun und das bedeutet, dass sie sich gerade da zeigen kann, wo ich etwas vermeide, wo meine Angst ist. Es lohnt sich, auch dorthin zu schauen, denn dort könnte ein Schlüssel zur eigenen Berufung liegen.

Berufung beginnt immer jetzt

Wahrscheinlich ist es für unser Alltagsbewusstsein enttäuschend, keine definitive Antwort zu bekommen auf die Frage, was nun die eigenen Berufung sei. Denn es liegt in der Natur von Berufung, dass sie sich entwickelt. Und alles, was wir tun können, ist, das zuzulassen und hineinzuwachsen. Das heißt: es aufgeben, mit der Vergangenheit zu hadern, und es aufgeben, unerreichbare Traumschlösser zu bauen und sie wie Banner vor uns herzutragen, sondern in der Gegenwart leben.

Hier und jetzt beginnt Berufung und es gilt – um sie zu erkennen -, eine Haltung der Aufmerksamkeit zu entwickeln. Diese Haltung des Wartens, oder noch besser: der Erwartung, bedeutet auch, das anzunehmen, was jetzt ist und mit dem zu beginnen, was am nächsten liegt. Berufung ist keine Erkenntnis, die vom Himmel fällt oder sonst irgendwie von außen kommt, sondern ein Prozess, für den wir nur in uns den Raum schaffen können, um den nächsten Schritt nicht zu verpassen oder gar zu verhindern. Es gilt, den Prozess zu erkennen und zu vertrauen: Es ist alles schon da – oder wie es Jesus sagt: »Das Himmelreich ist nahe!«

»Das Himmelreich ist nahe!«
Matthäus 4,17
Sonntag im Jahreskreis A

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