Ich gehöre zum OFS, dem Orden der franziskanischen Weltleute. Das Nationalkapitel hat mich an diesem Wochenende zum Bildungsbeauftragten gewählt. Ich freue mich auf diesen Dienst. Und denke daher gerade intensiv über die Frage nach: Was ist Bildung?

Ich weiß sehr gut, was ich NICHT für Bildung halte: Es kann schlecht darum gehen, eine bestimmte Menge Wissen anzusammeln. So wüssten wir zwar über dies oder jenes Bescheid, aber das hätte womöglich kaum eine Konsequenz für unser Leben und wäre nicht fruchtbar. Bildung hat doch weniger mit dem zu tun, was wir »haben«, sondern mit dem, was wir »sind«. Oder sein können. Oder sein könnten?

So wäre es mit der Bildung wie mit dem Reich Gottes, das Jesus verkündet: Jesus vergleicht das Reich Gottes mit einem Samenkorn. Dieses birgt eine geheimnisvolle Kraft: Das Leben. Biologen können heute die Gesetzmäßigkeiten des Lebens beschreiben und sagen, wie es seine Kraft entfaltet. Aber sie wissen nicht, was das Leben selbst eigentlich ist. Niemand weiß ganz genau, warum eine Zelle sich so oder so entwickelt, hier oder dort Platz nimmt in einem Organismus und auf diese Weise den Organismus ja erst entstehen lässt.

Jesus vertraut in seiner Lehre auf diese universellen Gesetze des Lebens, und das heißt: des Wandels und der Entwicklung. Vielleicht ist das zu selten bedacht worden in der Geschichte. Wenn wir als Menschen der Bildung bedürfen, dann nicht, weil wir mangelhaft oder unvollkommen wären. Es geht um Entfaltung dessen, was in jedem und jeder angelegt ist. Hineinwachsen in das, was im Grunde schon da ist. So wie das Reich Gottes schon da ist und sich doch noch nicht ganz entfaltet hat.

Jesus spricht also von einem Gott, der sät und wachsen lässt. In diesem Bild steckt viel (gärtnerische) Weisheit. Das Säen ist ein Akt der Liebe. Gott ist es, der den »Lebensatem einhaucht« (Genesis 2,7). Und in diesem Akt gründet unsere Freiheit: Die Freiheit, sich zu entwickeln und zu entfalten in die Gestalt hinein, die zwar tief in uns angelegt ist und doch auch von äußeren Ereignissen und unseren Entscheidungen beeinflusst wird.

Es gibt so gesehen keinen Unterschied zwischen Bildung und Reifung, meine ich. Es ist vielleicht ein franziskanischer Ansatz, aber dieser Art Bildung bedarf jeder Mensch, meine ich. Es geht darum, in der Schule des Lebens zu sich selbst heranzureifen, um Frucht bringen zu können und das eigene Potenzial zu entfalten. Papst Franziskus drückt das so aus: »Das Ziel des Laufs des Universum liegt in der Fülle Gottes, die durch den auferstandenen Christus – den Angelpunkt des universalen Reifungsprozesses – schon erreicht worden ist« (LS 83).

»Der Samen keimt und wächst, und man weiß nicht, wie.«
Markus 4,27
11. Sonntag im Jahreskreis B

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