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Wir Menschen sind Rudeltiere. Ohne die Verbindung zu anderen und zu einer Gemeinschaft, verkümmern wir. Die Angst, nicht dazuzugehören, ist daher universal, mächtig und sie beeinflusst fast alles, was wir tun.

Wenn uns z.B. jemand neun Dinge nennt, die wir richtig gut machen und ein einziges Ding, das wir verbessern können, dann richtet sich unsere Aufmerksamkeit automatisch auf dieses eine.

Die amerikanische Soziologin Brené Brown hat tausende Menschen interviewt zu ihrer Lebenserfahrung. Meistens verliefen die Gespräche so, sagt sie: »Wenn man Leute nach der Liebe fragt, dann erzählen sie von Herzschmerz. Wenn man Leute nach Zugehörigkeit fragt, berichten sie von ihren schmerzlichen Erfahrungen des Ausgeschlossenseins. Und wenn man Leute nach Verbindung fragt, handeln die Geschichten von Getrenntsein«*.

Sie versuchte nun herauszufinden, was jene Menschen auszeichnet, die sich dennoch verbunden und zugehörig fühlen und ein starkes Selbstwertgefühl besitzen. Das Ergebnis hat sie überrascht: Was diese Menschen gemeinsam haben, ist keine besondere Stärke oder gar Überheblichkeit, sondern schlicht der Mut, verwundbar zu sein.

Brené Brown hat ein Buch geschrieben über die »Suche nach wahrer Zugehörigkeit und die Courage, alleine zu stehen« – so lautet der Untertitel. Das Buch heißt »Braving the wilderness«**, also etwa »sich mutig der Wildnis stellen« und es ist klar, dass ich da als franziskanischer Stadteremit und Begleiter von Visionssuchen und Naturritualen neugierig werde.

Mit Wildnis meint sie jegliches unbekannte Gebiet, das außerhalb der eigenen Komfortzone liegt. Das kann eine Begegnung mit Fremden sein, Konflikte in Beziehungen, die Herausforderung einer Entscheidung, wenn es um Ja oder Nein geht.

Wildnis kann alles sein, was ungewohnt ist oder uns mit unserer Unsicherheit und Verwundbarkeit konfrontiert. In der jüdisch-christlichen Tradition nennen wir diese Qualität »eremos« (und so heißt ja auch genau deshalb dieses Blog!).

Menschen, die sich verbunden und zugehörig fühlen, vermeiden also nicht »Wildnis«. Sie versuchen gar nicht perfekt und unverwundbar zu sein oder alles zu kontrollieren. Sie nehmen vielmehr von Herzen alles auf, was ihnen entgegen kommt. Interessanterweise wurzelt das Wort »Courage« genau in dem lateinischen Wort für »Herz«: cor. Menschen, die sich verbunden und zugehörig fühlen können, wagen es also, aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele zu leben, sagt Brené Brown.

Es ist diese Art von Courage, mit der Jesus sich in der Öffentlichkeit zeigt: »Der Geist des Herrn ruht auf mir!« (Lk 4,18) zitiert er in der Synagoge die Heilige Schrift und bezieht diese Worte radikal selbstbewusst auf sich und das Jetzt und Hier: »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt« (Lk 4,21).

Bezeichnend ist, dass Jesus soeben aus der Wildnis zurückgekehrt ist, »erfüllt von der Kraft des Geistes« (Lk 4,14), wie es heißt. Das erinnert mich an die Klarheit und das Strahlen in den Augen jener Menschen, die ich von einer Visionssuche habe zurückkehren sehen. Nach vier Tagen und vier Nächten alleine im »eremos«, der Natur ausgesetzt und zugleich geborgen im Schoß von Mutter Erde, berichten viele von der Erfahrung eines tiefen Verbundenseins. Denn da draußen gibt es niemanden, der sagt: „Du bist nicht gut genug“. Wir dürfen uns zeigen, wie wir sind.

Die Alten wussten, dass wir nur fähig zur Gemeinschaft sind, wenn wir auch alleine sein können. Deshalb haben sie Männer und Frauen hinausgeschickt, haben ihre »Courage«, ihre »Herzlichkeit«, auf die Probe gestellt. Nur wenn wir selbst daran glauben, dass wir verbunden sind, können wir aushalten, dass jemand anderer Meinung ist, Dinge anders laufen, als wir es gewohnt sind und nichts und niemand vollkommen ist – auch wir nicht.

Was Brené Brown auf sozialwissenschaftlichem Weg herausgefunden hat, ist also nichts anderes als das uralte Wissen initiatorischer Spiritualität: Du kannst nur du selbst werden, wenn du bereit bist, dich loszulassen. Und zugleich braucht es eine Erfahrung des Gehaltenseins, um loslassen zu können.

Christ sein heißt, Jesus auf diesem »couragierten« Weg zu folgen. Christus ist die Verbindung von allem mit allem und alle SIND Christus. Genau das meint ja Paulus, wenn er vom »Leib Christi« (1Kor 12,27) spricht und vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade an diesem Sonntag genau dieser Abschnitt mit dem Evangelium vom selbstbewussten Auftritt Jesu in der Synagoge zusammen gelesen wird.

Die Menschen, die den Mut aufbringen, ihre Unvollkommenheit zu zeigen und Verletzlichkeit, Angst und Scham nicht zu betäuben, sind auch fähig, Gefühle wie Freude, Dankbarkeit und Glück zu empfinden (die werden nämlich sonst mitbetäubt), sagt Brené Brown. Und ich würde hinzufügen: Wahrscheinlich werden es am ehesten diese Menschen sein, die den »Armen eine gute Nachricht« bringen, den »Gefangenen die Entlassung« und den »Blinden das Augenlicht« verkünden und die »Zerschlagenen in Freiheit setzen« (Lk 4,18).

Wie begegnest du der »Wildnis« in deinem Leben: Verwundbarkeit und Unperfektheit?

Welche Erfahrung von Liebe, Zugehörigkeit und Verbundensein kennst du?

*Die Macht der Verletzlichkeit, TEDxHouston (Quelle: http://bit.ly/2sOPb90)
**Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone, New York 2017.

»Der Geist ruht auf mir!«
Lk 4,18
3. Sonntag im Jahreskreis C

2 Kommentare

  1. Doris

    Danke für diese Worte des Zuspruchs, besonders in dieser Zeit der Ruhe, des Zurückgezogenseins und oft auch des zurückgeworfenseins auf mich selbst.
    Ja, das kenne ich auch, das Gefühl nicht dazuzugehören! Mit meinem Tun, meiner Meinung , meinem Lebensstil,meiner Haltung und meiner Suche. Was hat mir geholfen? Ganz viel Stille, ganz viel Natur und draußen Sein, indem ich auf Spurensuche und Hinweise in meinem allernächsten Umfeld da draußen unterwegs war und bin.
    Im Allein sein (All – Ein) mit mir da draußen in meiner mich umgebenden “Wildnis” konnte und kann das Erkennen kommen.
    Im Unterwegssein mit den Worten der Bibel oder den Hinweisen aus Bücher, kann ich gut ins Gespräch kommen mit Jesus. Laut ausgesprochen war es ganz anders da, als nur im Kopf. ER hört zu , egal welchen Ton ich anschlage, ER hält das aus, Die Natur schafft Platz und Raum…. Und am nächsten Tag und immer darf ich wieder Eintauchen. Das ich so die Räume in meinem Lebensumfeld neu entdecken durfte, das hatte seinen Auslöser im Buch “Barfuß und Wild”.

    Geholfen hat und haben mir auch offene, tiefe, bekennende Gespräche mit Freunden und mit Menschen überhaupt.

    DANKE!!!!!

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Liebe Doris, danke für das All-Ein-Sein … da gehört Mut dazu ;-))

      Antworten

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