Der Whanganui ist der drittgrößte Fluss Neuseelands. Er führt von den Bergen durch Regenwälder, Grasland und schließlich zu den Dünen an der Küste. Aber seine Schönheit ist es nicht, die ihn besonders macht. Im März 2017 trat in Neuseeland ein Gesetz in Kraft, das den Whanganui zur juristischen Person erklärt.

Wenn künftig jemand z.B. das Wasser des Whanganui verschmutzt, kann der Fluss selbst vor Gericht dagegen klagen. Ähnlich wie ein Unternehmen, eine Stiftung oder eine andere große Organisation. Zwei Maori, die neuseeländischen Indigenen, vertreten den Fluss. Für sie ist er ein lebendes Wesen und spielt in ihren Mythen eine wichtige Rolle.

Das klingt fremd für unsere Ohren. Wenn bei uns jemand einen Fluss verschmutzt, müssen Kläger nachweisen, dass sie selbst oder eben Dritte Schaden erlitten haben. Dass aber der Fluss selbst Schaden erleidet, spielt bei uns vor Gericht keine Rolle. Flüsse, Berge, Wälder, ja, die ganze Erde sind in unserer Kultur Objekt, nicht Subjekt.

Ich erzähle das, weil ich an jene Menschen denke, die im Hambacher Wald gegen die Rodung durch RWE demonstrieren. »Sie haben das Baumhaus kaputt gemacht und dem Baum weh getan«, sagte eine junge Aktivistin, keine 30 Jahre alt, in einem Video, nachdem der Räumungstrupp sie vom Baum geholt und die Behausung zerstört hatte.

»Dem Baum weh tun« – das kann eben nur sagen, wer den Baum als eigenständiges Subjekt wahrnimmt. Daran aber wird deutlich, dass es um mehr geht, als den kleinen Wald. Es geht um eine Weltanschauung, die das materialistische Paradigma unserer Kultur infrage stellt. Es verwundert nicht, dass die spontane Rede der Aktivistin genau diese Entfremdung thematisiert:

»Sie denken, sie haben gewonnen. Aber das haben sie nicht. Sie können nicht gewinnen, weil sie diesen Wald genauso brauchen. Und diese Erde. Sie werden nicht verstehen, wie schön dieser Wald ist. Wie das ist, wenn man auf einem Wesen wohnt, das sich bewegt. Sie werden nicht verstehen, wie das ist, mit Menschen zusammen zu leben, denen es scheißegal ist, wie du heißt, wie alt du bist oder was du für einen Schulabschluss hast. Dass wir versuchen, hier hierarchiefrei zu leben, uns gegenseitig zu respektieren. Dass wir Geld nicht brauchen, sondern Menschen, die uns akzeptieren, so wie wir sind. Sie werden nicht verstehen, dass das die schönste Zeit meines Lebens war. Dass ich erst die ganze Scheiße, die die Gesellschaft mir eingetrichtert hat, vergessen musste: Mich mit anderen Menschen zu vergleichen oder zu konkurrieren. Dass es angeblich wichtig ist, wie wir aussehen. Diese ganze Scheiße musste ich erst wieder verlernen. Das haben die Menschen hier mir gezeigt. Die haben mich als Wesen akzeptiert.«

In diesen Worten finde ich die gleiche naive Kühnheit und romantische Unverfrorenheit, mit der Jesus seinen Jüngern den Spiegel vorhält: Ihr seid immer nur damit beschäftigt, wer »der Größte« unter Euch sei (Mk 9,34). Im Reich Gottes aber geht es anders zu. Und Jesus stellt ein Kind in die Mitte: »Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.« (Mk 9,37).

Und Jesus nimmt nicht irgendein Kind. Das Wort, das der Evangelist Markus hier verwendet (paidion) spielt auf die soziale Stellung ab und bedeutet auch Sklave (pais). Bei den antiken Gastmählern waren es Sklavenkinder, die den zu Tisch Liegenden die Schuhe auszogen, Wasser zum Händewaschen brachten und die Speisen servierten. Sie standen ganz unten in der Hackordnung der Gesellschaft. Jesus nimmt ein solches Kind in die Arme und gibt ihm den gleichen Platz wie allen andern.

Das ist ein radikal anderer Blick auf die Welt, den Jesus hier offenbart. Ein Blick von ganz unten, der jegliches Statusdenken auflöst und die Allerkleinsten in die Mitte nimmt. Hier weht jener Geist, in dem Franz von Assisi sich den Ärmsten zuwandte und alle Geschöpfe als Geschwister auf Augenhöhe sah. »Selbst gegen die Würmlein entbrannte er in übergroßer Liebe, weil er vom Erlöser das Wort gelesen hatte: Ein Wurm bin ich, nicht mehr ein Mensch. Deshalb pflegte er sie vom Weg aufzusammeln und legte sie an einem geschützten Ort nieder, damit sie nicht von den Passanten zertreten würden.« (1 Celano 80).

Es geht wohlgemerkt nicht um eine herablassende Hilfe für das Würmlein, sondern ganz wörtlich darum, Christus im Wurm und letztlich in allem Lebendigen zu sehen. Es geht um dieses Herz aller Dinge, das wir Christen eben »Christus« nennen. Wir sind damit gar nicht weit weg von den Maori, die den Whanganui als lebendiges Wesen betrachten. Wie könnten wir dann nicht mitfühlen, wenn irgendein Lebewesen auf dieser Welt dem Profit und der Gier geopfert wird? In jedem Lebewesen wird Christus angegriffen, ausgegrenzt, verletzt, wieder und wieder getötet. Diese Weltanschauung wäre auch konsequent im Sinne jenes zentralen Gedankens, den Papst Franziskus in seiner Öko-Enzyklika nennt: »Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise« (LS 139).

Er stellte ein Kind in ihre Mitte …
Markus 9,36
25. Sonntag im Jahreskreis B

3 Kommentare

  1. Pit

    Danke für diese Worte. Heute früh habe ich aus dem Fenster geschaut und gesehen, wie es geregnet hat und das es die letzten 2 Tage frisch geworden ist. Kein gutes Wetter, um zum Hambacher Wald zu fahren. So bewege ich mich immer öfter zwischen meiner komfortablen Welt und meiner Spiritualität, die mir sagt, dass ich raus muss, mich in der Schöpfung zeigen muss und mich für meine Mitwelt stark machen muss. Dies geht nicht mehr nur, wenn ich zuhause sitze und um die Mitwelt trauere.

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    • Jan Frerichs

      Lieber Pit, das empfinde ich auch so. Es gibt ein Wort von Papst Franziskus, das mich ermutigt: “Wir brauchen uns nicht zu fürchten, uns als bedürftig zu erkennen, denn allein und nur mit unseren Kräften wird es uns nicht gelingen, alle Grenzen zu überwinden”. Wenn “zu Hause sitzen und um die Mitwelt trauern” das ist, was jetzt möglich ist, dann ist es genug. Der Schlüssel zum Frieden (innen und außen) ist nicht die besondere Leistung, sondern die Bereitschaft, die eigene Bedürftigkeit und Begrenztheit und dazu gehören auch Trauer und Schmerz über das, was in der Welt geschieht, zuzulassen. DANN werden wir sensibel sein, wachsam und kreativ und am rechten Ort zur rechten Zeit das Notwendige tun, das unseren Möglichkeiten entspricht. Und wenn wir dann zurück schauen, werden wir sehen, dass es nicht wenig war. Vor allem wäre niemandem geholfen, wenn wir den (guten) Mut verlieren. Also: Dran bleiben …

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  2. Hedi

    Sie haben wieder einen sehr schönen Text geschrieben. Ich danke Ihnen!
    Es müsste VIEL getan werden, doch als Einzelner kann jeder meist nur wenig tun. Aber man kann Kindern und Enkeln wenigstens Kleinigkeiten VORLEBEN, z. B. nicht ständig neue Klamotten kaufen, möglichst gesunde Nahrung zubereiten und kein Essen fortwerfen. Mit den Kleinsten kann man in die Natur gehen, mit ihnen Pflanzen, Bäume und Tiere betrachten und beobachten und darauf hinweisen, nichts mutwillig abzureißen oder zu zertrampeln. Und man kann mit ihnen singen und FRÖHLICH sein. Vielleicht werden sie sich dann später an solche Augenblicke erinnern und nicht nur an Äußerlichkeiten, an Handy und Computerspiele …

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