Ich lebe in einem kleinen Dorf. Die Pfarrei zählt nicht einmal 600 Seelen. Und mit dem „kosmischen Christus“ können die wenigsten etwas anfangen hier. Nie gehört. Komischer Christus!? Nein, koSmisch! „Christus“ ist nicht der Nachname Jesu!

Wenn niemand uns mit diesem Christus vertraut macht, können wir auch mit dem Auferstandenen nichts anfangen. Wir sehen überhaupt nur noch wunderliche, alte Geschichten in der Bibel, aber wir verbinden mit der Geburt, dem Leben und Leiden, der Auferstehung keine Erfahrung mehr.

Das neue Testament ist voll von diesem Christus: Er ist „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. … alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand« (Kol 1,12–20) und Gott hat beschlossen, »in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph 1,10). Von ihm geht alle wahre Macht aus „im Himmel und auf Erden“, heißt es im Evangelium von diesem Sonntag (Matthäus 28,18). Paulus spricht von diesem kosmischen Christus als »Leib«: »Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm« (1 Kor 12,27).

Würden wir diesen Christus in allem suchen und erwarten, würde es uns schwer fallen, die Welt in schwarz und weiß aufzuteilen: Du bist gut und gehörst dazu. Du bist nicht gut und bleibst draußen. Weder kirchlich noch gesellschaftlich. Wir hätten überdies Mühe, „kirchlich” und „gesellschaftlich” zu trennen, weil in Christus alles vereint ist. Unser Engagement für die Kirche wäre ein Engagement für die Welt und umgekehrt. Für alle Menschen, für den Ort an dem wir leben.

Würden wir diesem Christus folgen, so würden wir allen Menschen guten Willens die Türen öffnen und niemanden mehr ausschließen. Der Ort, an dem Christen(!) leben, wäre immer ein einladender Ort. Ja, wir müssten angesichts der Herrschaft des Christus jede andere Herrschaft in Frage stellen. Aber nicht, um die Welt zu beherrschen (vielleicht der größte Irrtum und Schatten der Kirchengeschichte) oder um irgendeine Regierung zu stürzen, sondern – mal geradeaus gesagt – um „dieses miese, dekadente, verfaulte industrielle kapitalistische System, das solches Leid hervorbringt“ von innen zu ändern, wie es die katholische Sozialaktivistin Dorothy Day einmal formulierte.

Es ginge nicht anders, als sich fortan nur noch auf Augenhöhe zu begegnen. Wir könnten weder andere beherrschen noch uns beherrschen lassen. Wir könnten uns nur noch anti-hierarchisch „im Kreis“ versammeln, damit der Christus in die Mitte treten kann, wie es die Evangelien und die Apostelgeschichte erzählen.

Klingt utopisch. Unerreichbar? Nein. Christus ist immer schon da. Zum Beispiel: Wenn sich hier jede Woche ein Kreis aus allen Generationen versammelt zum Singen und es immer wieder möglich ist, die Interessen von Alt und Jung gegenseitig zu respektieren. Oder wenn es Vereinen und anderen Gruppen gelingt, ihr Anliegen, ihren Beitrag, ihre Tradition in die nächste Generation weiterzugeben, ohne stur am Ewiggestrigen festzuhalten und irgendwann einfach zu verschwinden. Und wenn sich in so einem kleinen Ort wie hier die Leute zusammen tun, um ihre Interessen zu vertreten und für den Erhalt der winzigen Grundschule einzutreten. Es geht nicht darum, Christus irgendwo hinzubringen oder drüber zu legen. Es geht darum, ihn zu erkennen, seiner Herrschaft mehr Raum zu geben als anderen Herrschaften.

Wir kommen um den kosmischen Christus nicht herum, wenn wir im Leben und im Glauben reifen wollen. Wir müssen andere nicht mehr ausschließen, um uns selbst als Teil des Ganzen fühlen zu können. Der kosmische Christus erinnert uns immer daran, dass wir selbst Anteil am Göttlichen haben – und dass das für alle gilt.

»Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.«
(Matthäus 28,18)
Dreifaltigkeitssonntag B

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.