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»Sei ordentlich«, »räum’ auf« und ähnliche Antreiber lassen uns glauben, Ordnung sei gut – Unordnung sei schlecht. In Wahrheit geht es nicht ohne Unordnung: Ohne sie keine Kreativität, ohne sie kein Leben. Auch der Weihnachtsfrieden hat eine Schattenseite, ohne die es Weihnachten gar nicht gäbe.

Das Chaos bricht ein

Alles beginnt mit einer Katabasis. So nennt man eine Situation, in der das Leben praktisch zusammenbricht, im Fundament erschüttert wird. Maria ist schwanger. Von einem anderen. So muss es jedenfalls Josef durch Kopf, Herz, Bauch und Mark gegangen sein. So war das nicht geplant.

Eigentlich – so steht es im Text – wollte Josef seine Verlobte still und heimlich verlassen. Um sie nicht bloßzustellen, wie es heißt. Wie sollen wir uns das vorstellen? Er wäre dann einfach verschwunden, wie einer dieser zahlreichen Männer, von denen man hört? Sie kommen einfach nicht zurück vom Zigarettenholen oder etwas in der Art. Alle Welt hätte dann wohl geglaubt, Josef habe Maria sitzen lassen mit dem Kind.

Dass Josef Maria verlassen will, klingt also irgendwie nobel, zeigt aber auch, dass Josef versucht, die Ordnung zu wahren. Freilich so, dass Maria glimpflich davon kommt, aber er bleibt in den Schemata der Konformität: Zusammenbleiben kann man doch auf dieser Grundlage nicht.

Der Heilige Geist in der unheiligen Unordnung

Im Traum erscheint Josef ein Engel, der ihm mitteilt, das Kind sei vom Heiligen Geist. Und Josef bleibt. Wir haben uns daran gewöhnt, diese Aussagen über den Heiligen Geist, religiös zu überhöhen. Was wäre aber, wenn das so für alle Krisen und Einbrüche des Chaos in unser Leben gelten würde: Das Kind ist vom Heiligen Geist. Hinter dem, was nicht sein soll und sein darf, steht der Heilige Geist?!

Das klingt wahrscheinlich geradezu skandalös für unsere Ohren, aber alles spricht dafür, dass das ganze Evangelium auf einer solch radikalen Botschaft gründet: Alles ist schon da, das Reich Gottes ist jetzt und hier, in allem Chaos, in allem, was sich unserer Kontrolle entzieht, ja auch in allem Leid, kann der Heilige Geist wirken, wenn wir es denn zulassen.

Wir brauchen auch nur in die Natur zu schauen, dann erkennen wir, dass kein neues Leben möglich wäre, wenn nicht ein anderes Lebewesen in irgendeine Art von Unordnung geriete. Wir machen uns in der Regel (bei Franz von Assisi war das anders) wenig Sorgen um die Möhre, die wir mit den Zähnen in einen Zustand der Unordnung bringen, damit wir sie verdauen können und sie uns nährt. Aber wir wollen auf keinen Fall, dass das mit uns geschieht – dabei geschieht es die ganze Zeit, vom ersten Augenblick unseres Lebens und endet erst im Tod, wenn wir uns in der Unordnung – ja was eigentlich: Verlieren? Oder doch erst finden?

Das Leben – ein Flickenteppich

Man muss das alles nicht glauben oder gut finden. Aber es gibt abgesehen von den biblischen Geschichten, die für sich sprechen, auch Beispiele aus der Geschichte des Christentums. Franz von Assisi ist mir gerade deshalb so sympathisch, weil er die Unordnung, das Sich-Nicht-Auskennen usw. als den vorzüglichen Ort der Gottesbegegnung ausgemacht hat.

Franz von Assisi trägt mit voller Absicht ein Gewand voller Flicken. Das ist ein Symbol: Er verbirgt auch die Flicken seines Lebens nicht, er zeigt seine Wunden und seine Verwundbarkeit. Er ist nicht perfekt, sondern eben echt, und das heißt, er verkleidet sich nicht oder will es zumindest nicht.

Franziskus bittet Gott auch nicht, seine Wunden wegzunehmen, sondern er ist überzeugt, dass Gott diese Wunden annimmt. Und er weiß, die Wunden verschwinden auch niemals: Jesus wird als Auferstandener immer noch Wundmale tragen. Die Wunden, die Unordnung, das Chaos – all das gehört zum Leben. In ihnen und nicht erst nach ihnen, d.h. wenn sie fort sind, begegnen wir Gott, sondern wir sind jetzt ganz und gar angenommen mit ihnen oder durch sie hindurch.

Erwachen

Unser Ego sieht das sicher anders: Es verneint die Unordnung und bevorzugt die Ordnung. Deshalb ist es bezeichnend, dass Josef TRÄUMT, dass ihm der Engel erscheint. Unser Bewusstsein, das nur einen kleinen Teil unseres Selbst ausmacht, kann niemals die ganze Wirklichkeit erfassen, es wird immer alles aufteilen in gut und schlecht, richtig und falsch. Erst, wenn wir mit den Augen der Seele schauen, mit dem wahren Selbst, sind wir in der Lage, »ganz« zu sehen.

In der Mystik wird für diese Bewusstseinsänderung oft der Begriff »erwachen« verwendet. Wenn es also heißt, dass Josef erwachte und tat, was der Engel gesagt hatte, möchte ich das genauso verstehen: Die Begegnung mit dem Engel hat seinen Horizont erweitert, er sieht jetzt in dem Kind, das nicht seines ist, nicht mehr das Problem, das es darstellt, sondern den Segen, den es bringen kann.

Ich wünsche uns, dass diese Weihnachten uns die Augen öffnen und lehren, dieses »mehr«, das in allem steckt, wahrzunehmen. Und zwar genau dann, wenn sich das Geschirr wieder türmt, wenn die Kinder nicht das tun, was sie sollen, wenn an Heilig Abend nichts so läuft, wie es soll, wenn der gewünschte Frieden sich einfach nicht einstellen will, sondern Konflikte aufbrechen und einbrechen. Was wäre, wenn es »vom Heiligen Geist« wäre? Was wäre, wenn darin, etwas »Heiliges« seinen Anfang nähme?

kennst du schon den barfuss+wild – podcast?
du kannst diese folge auch bei itunes oder spotify finden oder hier einfach herunterladen.

»Josef erwachte«
Matthäus 1,24
Vierter Adventssonntag

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7Kommentare

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Danke für den ermutigenden Text. Und ein gutes neues Jahr!

Ich habe es eben noch mal im Podcast gehört und bin noch mal tief gerührt, denn beim Lesen hatte ich andere Impulse als jetzt beim Hören. DANKE Jan. Deine Stimme ist so schön und beruhigend. Ich befinde mich seit jeher in einer inneren Unordnung und kann da aber mit Deinem Text jetzt anders draufschauen.

Danke für diesen Blog. Danke für den Podcast dazu. Gelesen habe ichs schon mehrmals und dann habe ich es noch gehört und geh jetzt mit dieser DREITEILUNG ORDNUNG UNORDNUNG UND NEUORDNUNG weiter.

Wieder einmal kommt mir durch deine Worte lieber Jan genau das entgegen was ich nicht verstehe und was ich anschauen soll.

Ganz herzlich Danke.

Es kommt wie immer zur rechten Zeit zu mir. Ich staune wie….

Gruß Doris

WUNDERSCHÖN geschrieben, danke !!!

Volltreffer! Danke 🙂

Der Gedanke, dass in allem Chaos der Hl. Geist wirkt und damit die Kraft gibt, durch das Chaos hindurchzufinden tut mir sehr gut.

Frohe Weihnachten!

Hannelore Wenz

Genial!

Ich bin BeGEISTert von diesen Erkenntnissen…

Anneli

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