Der Messias und Sohn Gottes verdiente seinen Lebensunterhalt auf dem Bau. Das griechische Wort tekton heißt jedenfalls soviel wie »Bauhandwerker«. Irgendwie wurde daraus in den Übersetzungen der »Zimmermann«. Auf alle Fälle war er beruflich eher der Mann für’s Grobe.

Kaum zu glauben, dass so einer dann durch’s Land zieht und als Lehrer und Heiler arbeitet. Die meisten seiner Mitstreiter sind zuvor ebenfalls Handwerker gewesen, darunter einige Fischer. Sie lassen ihre Netze und Boote und ziehen mit Jesus, um zu predigen, Dämonen auszutreiben und eben zu heilen.

Als Jesus in seine Heimat kommt, sind die Leute mehr als verwundert. »Ist das nicht der Zimmermann?« (Markus 6,3). Und die Verwandtschaft findet »skandalös«, wie Jesus auftritt. Diese Geschichte spiegelt, was viele Menschen in ihrem Leben erfahren: Die Familie – oder etwas weiter gefasst: der Clan – hilft nicht, die eigene Berufung zu finden und zu leben, sondern hindert eher noch daran. Wer das kennt, ist also in bester Gesellschaft.

Ich nahm bisher an, dass das sprichwörtliche »ein Prophet gilt nirgends weniger als in seiner Heimat« (Markus 6,4) quasi ein universales Grundgesetz sei, das immer und überall gilt. Dann begegnete mir Sobonfu Somé aus Burkina Faso. In einem ihrer Bücher erzählt sie von ihrer Heimat in Westafrika, vom Volk der Dagara und vom »Schoß der Gemeinschaft«: »Die Gemeinschaft ist die Seele, der Leitstern der Menschen meines Volkes … Das Ziel der Gemeinschaft ist, dafür zu sorgen, dass jedes ihrer Mitglieder gehört wird und die Gaben, die sie oder er in diese Welt mitgebracht hat, auf die richtige Weise anbringt.«*

Es scheint mir, als ob in der archaischen Lebensweise der Dagara eine geradezu biblisch-paradiesische Verbundenheit erhalten ist. Das Dorf als spirituelle Gemeinschaft, in der jeder und jede in seine Berufung hinein initiiert wird. Alle sind mit allem verbunden. Alle sind getragen von spirituellen Kräften, die alles durchwirken. Gibt’s denn sowas? Zu schön, um wahr zu sein?

Die Lebensgeschichte von Sobonfu Somé ist selbst ein Zeugnis dafür: Ihr Name Sobonfu bedeutet »Hüterin des Rituals«. Er beschreibt ihre Berufung. Bis zu ihrem Tod 2017 war sie unterwegs als als Botschafterin und Lehrerin, um die archaischen Traditionen ihres Volkes, der Dagara, in die westliche Kultur zu bringen. Ihren Namen erhielt sie jedoch schon vor der Geburt. Die Ältesten des Volkes fanden ihn in einem Ritual, das dazu dient, die Berufung eines Menschen schon im Mutterleib zu »erspüren«.

Das klingt für uns im Westen fremd und trifft doch eine tiefe Sehnsucht: Auch wir möchten ganz gesehen werden mit dem, was uns ausmacht. Nicht nur toleriert – ertragen -, sondern akzeptiert, zutiefst verbunden und aufgenommen. Denn, sagt Sobonfu, »Menschen zu akzeptieren heißt, sie so hineinzunehmen, wie sie sind. Ohne sie zu ändern. Und wenn du jemanden aufnimmst, gibst du ihnen Heimat. Heimat für sie selbst und Heimat für ihre Gabe. Das ist eine Einladung für ihre Gabe. Und wenn Du diese Gabe einlädst, dann haben sie Erlaubnis, dass diese Gabe strahlen darf. Wenn du keine Einladung bekommst, läufst du herum und fragst dich, wer die Gabe akzeptieren will.« **

Jesus konnte in seiner Heimat kein Wunder wirken, weil er nicht akzeptiert wurde. Oder drehen wir es um: Wunder können dann wirken, wenn sie Raum bekommen. Den Raum der Gemeinschaft, der Akzeptanz, des Vertrauens. Jesus hat – so gesehen – gar keine Lehre gebracht, sondern er hat daran gearbeitet, diesen „Raum“ zu schaffen. Wieder neu zu schaffen oder vielmehr die Verbindung wieder herzustellen. Er nennt es »das Reich Gottes«.

Die gute Nachricht ist: Wir können solche Art von Gemeinschaft auch im Westen finden und das Reich Gottes blitzt auf, wenn wir uns – vielleicht nur in kleinen Kreisen, Basisgemeinden, Lebensschulen – gegenseitig zuhören und unterstützen, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Auch Jesus fand einst solche Art Gemeinschaft im Kreis um Johannes den Täufer (vgl. Markus 1,1-15).

Und dann werden alle Gaben strahlen: Fischer werden zu Menschenfischern und Handwerker heilen, indem sie zärtlich »die Hände auflegen« (Markus 6,5).

* Somé, Sobonfu, Die Gabe des Glücks. Westafrikanische Rituale für ein anderes Miteinander, Berlin 2016, S.23
** Somé, Sobonfu, Embracing your gifts, Vortag Online (Quelle)

»Ist das nicht der Zimmermann?«
Markus 6,3
14. Sonntag im Jahreskreis B

1 Kommentar

  1. Hedi Blech-Vidulic

    In den Waldorfschulen bemüht man sich darum, die Gaben jedes Kindes zu erspüren und zu entwickeln. Deshalb sind diese Schulen nützlich und hilfreich und die Kinder dort glücklich.

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