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Richard Rohr sagte einmal, das Christentum stecke noch in den Kinderschuhen. Wir leben demnach eigentlich in einem Babychristentum. Das volle Potenzial ist noch nicht entfaltet. Und die Geschichte von der Steinigung der Ehebrecherin ist das allerbeste Beispiel dafür.

Jeder kennt wahrscheinlich das berühmte Wort: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie« (Joh 8,7). Nach dem Gesetz hätte die Ehebrecherin gesteinigt werden müssen (vgl. Dtn 22), und zwar mit der Begründung: »Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen« (z.B. Dtn 22,21).

Jesus stellt mit seinem Verhalten der Sünderin gegenüber das Gesetz in Frage. Er gefährdet die sichere Unterscheidung zwischen gut und böse, heilig und profan, richtig und falsch.

Das erschien offenbar als derart skandalös, dass die Geschichte von der Ehebrecherin es fast nicht in die Bibel geschafft hätte. In vielen Manuskripten kommt der Text jedenfalls gar nicht vor. Und mit großer Sicherheit ist die Stelle auch erst nachträglich ins längst fertige Johannes-Evangelium eingesetzt worden.

Die Einfügung geschah praktisch in letzter Minute: Um 400 n.Chr. war die Zusammenstellung der Bibel offiziell abgeschlossen. Die Christen waren längst keine kleine Randgruppe mehr, sondern Institution geworden: Die Kirche stellte Regeln auf und begann, Menschen auszuschließen, die sich nicht »richtig« verhielten oder »falsche« Ansichten vertraten. So paradox es klingt: Gerade deshalb störte dieser Jesus, denn er bedroht die Ordnung.

Bis heute ist für viele Christen ihre Religion eine Art Zugehörigkeitssystem. Es gibt klare Grenzen und damit keine Selbstzweifel, denn wenn ich mich an die Regeln halte, gehöre ich dazu – oder christlich formuliert: dann gehöre ich zu Jesus und seinen Leuten. Und so beschäftigen sich manche Christen ausschließlich mit den Regeln und sie glauben, genau das sei Religion. Und dann kommt dieser Jesus und sprengt alle Grenzen der Autorität und der Hierarchie (und übrigens auch des Patriarchalen).

Es ging Jesus wohlgemerkt nicht darum, jegliche Ordnung aufzuheben. Schließlich sagt er: »Sündige von jetzt an nicht mehr« (Joh 8,11). Er sagt also nicht: Ehebruch ist keine Sünde. Aber er verurteilt die Frau nicht. Und das ist neu: Jesus lehrt uns, dass Religion mehr sein muss als ein System aus Regeln, die uns und die Gemeinschaft »rein« halten, indem sie alles Sündhafte und damit alle Sünder verurteilt und ausschließt.

Religion soll Menschen zu Gott führen. Es geht nicht um die Kirche, sondern um das Leben. Die Regeln sind Wegweiser. Aber sie sind nicht selbst der Weg. Diese Verhältnisbestimmung bringt Jesus an anderer Stelle so auf den Punkt: »Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat« (Mk 12,27). Religion ist wie ein Gefäß, das es uns ermöglicht, lebendiges Wasser trinken zu können, das uns wachsen lässt und uns verwandelt. Ohne Gefäß geht das nicht oder nur schwer, das Wasser würde uns zwischen den Fingern zerrinnen. Aber das Gefäß selbst ist nicht das lebendige Wasser. Religion muss dem Leben dienen und nicht das Leben der Religon.

Es ist deshalb gut, dass die Geschichte von der Ehebrecherin doch noch in die Bibel gekommen ist. Sie lehrt uns, dass »Urteilen« und »Verurteilen« nicht das Gleiche sind. Eine Verurteilung ist immer ein »letztes Urteil« und dient dazu, die eigene Komfortzone »sauber« zu halten.

Urteilen dagegen erfordert ein gewisses Maß an Objektivität. Es bedeutet nicht, eine andere Wahrheit auszulöschen, sondern Unterschiede wahrzunehmen. Ich kann nur urteilen, wenn ich keine Angst habe, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist. Wenn ich nicht mehr beseitigen muss, was stört oder verstört. Das schafft Augenhöhe, so wie Jesus Augenhöhe mit der Ehebrecherin schafft.

Paulus sagt es so: »Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt« (Phil 3,9). Eine Situation auf diese Weise mit den Augen Christi zu beurteilen ermöglicht, nach Lösungen zu suchen, Entscheidungen zu treffen, die dem Leben dienen und nicht der Reinerhaltung des Egos. Das kann nur mit Barmherzigkeit und Zärtlichkeit geschehen. Und das gilt übrigens nicht nur anderen gegenüber, sondern auch angesichts der eigenen Lebenswirklichkeit: Niemand ist perfekt, nichts anderes sagt ja Jesus und bringt die Eiferer damit zum Schweigen.

»Gott vergibt nicht per Dekret, sondern mit einer Liebkosung«, sagte Papst Franziskus einmal, »indem er unsere Sünden zärtlich berührt«*. Und ich stelle mir eine Kirche vor, die sich das mutig zum Maßstab nimmt. Das wäre ganz im Sinne Jesu scheint mir.

Vielleicht zum Schluss noch: Wie geht das praktisch? Die Suche nach Antworten auf diese Frage hat die Lebensschule mitbegründet. Wenn wir auf Visionssuche gehen, so wie im kommenden Jahr im April (vom 14.-25. April 2020), dann betreten wir genau solch einen Raum der Barmherzigkeit und der Zärtlichkeit. Dann verwirklicht sich das Wort: »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18,20). Denn »in meinem Namen« heißt im Namen der Lebenswirklichkeit mit all ihren Wunden und Makeln. Wenn wir sie zärtlich berühren, berühren wir Christus. Und nur so, nur in ihm, kann sich alles wieder in Leben verwandeln. Das ist Auferstehung.

P.S.: »Lay your worry down« heißt das Lied von Milow und bringt wunderbar zum Ausdruck, worum es geht:

Wenn kein Licht zu finden ist
Wenn alles verloren ist
Und dein Herz am Boden liegt
dann lehne dich an mich und lege alles hin
Leg deine Sorge nieder

Danke für den Hinweis Wolfgang Metz​.

* Frühmesse im vatikanischen Gästehaus »Domus Sanctae Marthae« am Montag, 7. April 2014

»Auch ich verurteile dich nicht.«
Joh 8,11
Fünfter Fastensonntag C

10 Kommentare

  1. Doris

    Danke Jan für diese bildhafte Darstellung. Auch für die klare Ausdrucksweise, die es mir ermöglicht zu vertehen und den Transfer zu meinem Leben zu schaffen in dem was schon war, was ist und was noch kommt. Besonderen Dank das gegen Ende immer noch aufbauende Worte kommen, wie hier von Papst Franziskus, die mich halten und nicht in die Tiefe sinken lassen.
    Dankbare Grüße Doris

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  2. Martina

    Es ist doch immer wieder verwunderlich und vor allem erschreckend, wie tief das Bild der angeblichen SünderIN in uns eingebrannt ist. Auch zum Ehebruch gehören in der Regel(mindestens) zwei Menschen und (mindestens) einer davon ist ein MANN – es sei denn, wir bewegen uns im lesbischen Milieu, aber das ist ja mit noch mehr Tabus belegt…
    Also frage ich, geht es hier in erster Linie um einen nachsichtigen,„menschlichen“ Umgang mit unseren „Sünden“, oder ist das wirklich Provokante an der Geschichte, dass Jesus der Stigmatisierung der Frau(en) als ewig Schuldige mutig entgegentritt (Leider vergebens, wie uns die Geschichte des Christentums gelehrt hat).

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    • Jan Frerichs

      Liebe Martina, dass Jesus auch patriarchale Grenzen überschreitet ist sicher Teil der Brisanz, den dieser Text enthält. Sicher auch ein Grund, warum er so umstritten war. Dazu nur ein Hinweis zum Umgang mit biblischen Texten: Worum es eindeutig geht, ist nicht eindeutig. Sonst wäre es ja kein biblischer Text. Wenn für Dich die patriarchale Problematik im Moment oder generell der Fokus ist, dann sehe ich da keinen Widerspruch zu der Frage nach dem Umgang mit “Sünde” bzw. “dem Gesetz”. Allerdings bleibt es dahingehend eindeutig: Die Frau ist nun mal keine “angebliche” Sünderin, sondern aus der Sicht der Zeit und des Gesetzes eindeutig schuldig. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Barmherzigkeit dann tatsächlich einfach Nachsicht ist. Mal ein Beispiel aus einer anderen Perspektive: Wenn jemand etwas Schlimmes erlebt, dann ist es wenig tröstlich, wenn wir ihn in den Arm nehmen und sagen: “Ist nicht so schlimm, das wird schon wieder”. Ne, wird nicht wieder. Jemanden sehen, heißt: Ja, das ist schlimm, was da passiert ist. Ich sehe Dich in Deiner Trauer, in Deinem Schmerz, in Deiner Ratlosigkeit. Ebenso fehl am Platz wären “Rat-SCHLÄGE”. So, und das ganze jetzt auf Schuld übertragen: Es wäre doch auch schräg, einem Mörder zu sagen “Ist nicht so schlimm, kann ja mal passieren”. Verstehst Du, was ich meine. Es wurden übrigens auch Männer gesteinigt (vgl. Dtn 22) – Jesus hätte also durchaus auch einem Paar gegenübergestellt werden können von den Vertretern des Gesetzes. Sprich: Jenseits der anti-patriarchalen Töne dieses Textes, gibt es noch vieles zu entdecken. Herzlich, Jan.

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  3. Petra Zeidler

    D A N K E
    Wenn ich das HEUTE und JETZT lese, spüre, fühle, atme, weiß ich, wo mein Platz/Weg ist/sein kann, dass WIR “KIRCHE” SIND/sein können. Wir ALLE sind Kinder Gottes; Kinder der Schöpfung – LICHT und LIEBE; es ist möglich dies zu leben, es zu erkennen, es in die Welt zu tragen, wenn wir einander annehmen, wie wir sind, wie wir uns begegnen; nehmen und geben / geben und nehmen. Wir alle tragen “Sünden” in uns, aber es soll/darf mich nicht hindern jeden Tag neu die Wahl zu treffen für ein Leben auf dem Weg zur wahren bedingungslosen Liebe. Jesus, (m)ein(e) Bruder/Schwester –
    ich lege meine Hand in deine Hand und gemeinsam schaffen wir es !
    Die Welt/die Kirche/braucht LIEBE – bedingungslose LIEBE – das Göttliche in uns – MUT.

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  4. Martina

    Lieber Jan, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar zu dem meinigen.
    Ja, ich verstehe, was Du meinst.
    Dennoch 2 Dinge noch dazu:
    Dtn. 22,21ff ist AT. In der Tat werden dort (noch) andere , vielleicht auch ältere Bestrafungsrituale beschrieben. sie sind hart, aber erscheinen nicht so ungerecht. Das wäre was für Bibelforscher zu schauen, aus welchen Gesellschaftssystemen und Ursprüngen was stammt…
    Zum anderen: Das einzige, was Jesus zum Auslöser des ganzen Malheurs sagt, ist ein lapidarer Satz ganz am Schluss: gehe hin und sündige fortan nicht mehr (wenn ich das richtig in Erinnerung habe).
    Nochmal meine Frage: Warum diese ständige Fokussierung auf Sex, Sünde, Schuld – von Seiten der Kirche und in unserem (christlich/katholisch geprägtem) Bewusstsein? Jesus hat sich doch auch überhaupt nicht weiter eingemischt in die intimen Beziehungen – oder?
    Nicht falsch verstehen: Mir geht es natürlich nicht um eine Entschuldigung von Verletzen anderer, Gewalt oder gar Mord!
    Vielleicht ist mein ganzes Geschreibsel hier auch nur der Ausdruck von ohnmächtiger Wut gegen verkrustete Strukturen, die die Kirche sich im Laufe der Zeit selber angedichtet hat.

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Ich würde gerne noch klarstellen: Ich bin nicht der Auffassung, dass man Ehebruch und Mord auf eine Stufe stellen sollte. De facto war das aber offenbar so zur Zeit Jesus. Ich meine: es hilft, den Text so gut es geht in seinen historischen Kontext zu stellen, um Dinge, die uns vielleicht zunächst unverständlich oder irrelevant erscheinen, sichtbar machen zu können. Dann wird natürlich auch deutlich, dass die Frau (wo ist der Mann?) nur missbraucht wird, um Jesus in eine Zwickmühle zu zerren. Denn es ärgerte ja die Würdenträger schon lange, dass Jesus ein “Freund von Sündern” war.

      Es wäre interessant, die “ohnmächtige Wut”, von der Du sprichst, einmal näher zu erforschen. Vor allem, was genau sie antreibt, welche Leidenschaft oder Sehnsucht. Das könnte der Schlüssel sein zu einer Umkehrung: Nicht gegen etwas (gegen Kirche, verkrustete Strukturen, Patriarchat etc.), sondern für … was? Die Wut kann übrigens auch einen Komfortzone sein. Bitte nicht falsch verstehen: Die Probleme bzw. Kritikpunkte, die Du nennst, sehe ich auch. Und die Institution Kirche stinkt mir an vielen (und noch mehr) Stellen gewaltig. Die Frage ist nur, ob der einzige Weg darin besteht, Energie in den in der Tat größtenteils ohnmächtigen Protest zu stecken oder ob es nicht auch andere Möglichkeiten gibt. Manche wenden Kirche den Rücken zu, was ich für völlig legitim halte. Manche fangen an, Dinge anders sehen und denken zu wollen und dann auch anders zu tun. Und manche bleiben beim Protest und ihrer Wut. Wir sind alle frei, unseren Platz zu wählen bzw. zu verändern, meine ich. Oder auch so: Den passenden Platz zur passenden Zeit zu wählen. Interessant: Was ist das für eine Haltung, die Jesus da einnimmt in dieser Episode, wenn er sich hinhockt und in den Sand schreibt? Jesus hätte wahrlich allen Grund, wütend zu sein – und dann und wann ist ihm ja auch der Kragen geplatzt. Vielleicht haben die Gesetzeskundigen genau damit gerechnet?

      Antworten
  5. Martina

    Das sind, lieber Jan, spannende Überlegungen. Ich werde darüber mal nachdenken.
    Und ja, ich gebe Dir recht: Wut kann keine Lösung und kein Dauerzustand sein. Das wäre destruktiv. Aber immerhin nicht „egal“…;-)
    Danke für die Anregungen und liebe Grüße!
    Martina

    Antworten
  6. Doris

    Ich finde es gerade sehr spannend und interessant eueren Austausch mitzulesen. Das gibt mir immer wieder einen Hinweis noch in andere Richtungen zu denken.
    Das Thema Wut kenne auch ich nur zu gut. Das Bild mit dem “Gefäß” hilft mir gerade sehr. Es ist nicht das lebendige Wasser…. Ich muss dieses gefüllte Gefäß nicht in der Institution suchen, es gibt viel mehr Möglichkeiten!! Siehe hier diese Seite, dieser Blog, dieser Austausch….
    Danke euch!

    Antworten

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